Artikel und literatur
Geht
man von den Mitteln aus, die der heutigen Menschheit zur Verfügung stehen, so
befindet sich der Mensch in unserem Zeitalter auf einem großartigen
Entwicklungsstand.
Zahllose
Entdeckungen und Erfindungen haben ihm Möglichkeiten eröffnet, die
bisher nur wie Märchen anmuteten.
Mit
Hilfe elektrischer und elektronischer Anlagen wurde Unmögliches möglich.
Dem Menschen von heute werden oft schon durch einen bloßen Knopfdruck die
verschiedensten Dinge zur Verfügung gestellt, z.B. Wasser, Luft, Wärme, Kälte,
Nahrung, Kleidung und was er noch alles gerne haben möchte.
Radiowellen
übertragen die menschliche Stimme in Sekundenschnelle bis an die entlegensten
Orte der Erde, und nicht nur seine Stimme, auch sein Abbild ist übertragbar
geworden.
Der
Mensch ist heute Herr über riesige Flugzeuge, mit denen er mühelos in
Blitzesschnelle von einem Punkt der Erde zum anderen fliegen kann. Leichter, müheloser
und schneller als der Vogel Simogh, von dem in Märchen zu hören ist.
Raumfahrer
haben fremde Planeten betreten. Von der Reise zum Mond oder zu einem anderen
Himmelskörper redet man heute fast schon so selbstverständlich, als
handle es sich um eine Fahrt von einer Stadt zur anderen.
Die
Zahl der technischen Neuheiten und wissenschaftlichen Entdeckungen unseres
Zeitalters hat derart zugenommen, dass es schwierig wäre, alle aufzuzählen.
Überhaupt
scheint Mutter Natur der Geduldsfaden gerissen zu sein, und sie mag die Tausende
von Jahren verschwiegenen Geheimnisse nicht weiter für sich behalten, hat jäh
den Entschluss gefasst, ihr Schweigen zu brechen und die Lösung ihrer
zahllosen Rätsel, so schnell es nur geht, der heutigen Menschheit
auszuplaudern.
Inzwischen
konnte der Mensch zahlreiche Mysterien der Natur aufdecken.
Mit
Hilfe einer wirklich faszinierenden Technik ist es ihm zum Teil gelungen, der
Naturkräfte Herr zu werden und aus ihnen Nutzen zu ziehen.
Dank
all dieser Anstrengungen konnte der Mensch den Gipfel materiellen Wohlstandes
erklimmen, konnte die Weltkugel zu einem prunkvollen Palast herrichten, einem
Palast, in dem er hoffte, glücklich und bequem zu wohnen und zu dem schon immer
ersehnten guten Leben zu gelangen.
Bisher
wurde nur über eine Seite der Medaille gesprochen, bekanntlich hat aber jede
Medaille zwei Seiten.
Die
technische Zivilisation hat zahlreiche Schwierigkeiten des menschlichen
Daseins gelöst. Sie hat der Menschheit erstaunliche Kräfte im Kampf
mit der Natur verliehen. Dies sind wahrhaftig wertvolle Fortschritte.
Parallel
zu dieser Entwicklung hat man aber das Wohlstandswachstum derart gepriesen und
großgeschrieben, ja sogar ganze Philosophien darüber zusammengebastelt,
dass der Mensch einer Wandlung unterzogen und zu einem fast animalischen Wesen
erniedrigt wurde, dessen Tun und Denken sich hauptsächlich auf Produktion
und Konsum und deren Steigerung konzentrieren.
Sei
es nun zur Sicherung eines Existenzminimums oder zur Finanzierung eines bequemen
und luxuriösen Lebens und immer aufwendigerer Freizeitgestaltung: das
Streben nach materiellen Gütern und die Neigung, das meiste oder alles nur aus
wirtschaftlicher sicht zu betrachten, ist im heutigen Menschen so stark
verwurzelt, dass er wirklich zu einer Art Produktions -Konsum- Maschine wurde.
Wie
eine Epidemie hat diese Erscheinung inzwischen um sich gegriffen, und die
Mehrzahl der Menschen führt heute ein Leben, in dem es außer materiellen
Werten kaum andere und wertvollere Inhalte gibt.
Einst
trachtete der Mensch nach Freiheit und Unabhängigkeit, opferte sogar sein
Leben dafür. Mittlerweile hat er jedoch seine Freiheitsliebe dem großen Götzen
unserer Zeit, der Wirtschaft, opfernd zu Füssen gelegt und ist ihr Sklave
geworden.
Die
fortschreitende, vornehmlich materiell ausgerichtete Zivilisation ließ
menschliche Konsumwünsche ständig wachsen und erforderte immer
aufwendigere Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse. Viele haben auf diesem
Weg ihre Gesundheit einbüssen müssen oder waren gar gezwungen, moralische
Grundsätze aufzuopfern.
In
einer fast ausschließlich materiellen Gesellschaft wie die heutigen werden
hohe menschliche Werte mehr oder weniger in den Hintergrund gedrängt. Der
Wert der Dinge, sogar der Wert ethisch- moralischer Grundsätze, wird vielmehr
an ihrem materiellen Nutzen gemessen.
Was
in den meisten Ländern dem Erziehungs- und Ausbildungswesen
zugrundeliegt, sind eben diese materiellen und wirtschaftlichen Prinzipien. Das
Hauptanliegen besteht dabei darin, die jungen Menschen so zu formen, dass der
Ertrag, der einst ihre eigenen oder die Taschen anderer füllen wird, steigt.
“Alles
für eine gesunde Wirtschaft und ihre Annehmlichkeiten” lautet die Devise,
die so gut wie alle Gemüter beherrscht, von dem einfachen Arbeiter bis zu der
sogenannten Elite, vom Fachmann bis zum Professor, Politiker, Schriftsteller,
Denker und Künstler.
Sogar
unter denen, die sich mit erhabenen Problemen des Immateriellen befassen,
blieben viele nicht unverschont vom Einfluss materieller und wirtschaftlicher
Reize: je prunkvoller z.B. heute religiöse Öffentlichkeitsarbeiten und
Schriftwerke ausgeschmückt werden, desto höher steigt ihre finanzielle
oder materielle Honorierung.
Diese
Situation ist jedoch die natürliche Folge der verschiedenen, materiell
ausgerichteten Weltanschauungen unserer Zeit.
Unaufhörlich
wird den Menschen eingeflösst, sie seien nur zweibeinige Wesen, die einem
wirtschaftlichen Zweck zu dienen haben. Eine nicht abreißende Werbung lässt
den wirtschaftlichen Wohlstand und die Steigerung materieller Annehmlichkeiten
ständig hochleben, nennt sie alleinige Maßstäbe für
menschliches Glück und einziges Zeichen für den Fortschritt eines Volkes oder
einer Gesellschaftsgruppe oder einer Schicht. Immerzu wird den Menschen Geld vor
Augen gehalten, ihm ständig vom Geld in die Ohren posaunt: vom knappen
Geld, vom Wunder Geld, vom Problemloser Geld, von Zentnern von Geld, von dem
ganz großen Geld, zu dem man durch einen Glückstreffer oder durch direkte
oder indirekte Ausbeutung der Mitmenschen gelangt, Geld, das man dann später
wieder zur Befriedigung zum Teil niederträchtigster animalischer Wünsche
ausgibt. Da ist es kein Wunder, dass viele Menschen unserer Zeit, oder sagen wir
besser “Scheinmenschen”, auf die Stufe habsüchtiger Kreaturen
herabgesunken sind, die von morgens bis abends versuchen, zu Geld zu kommen,
gleichgültig wie, rücksichts- und schonungslos. Ständig brauchen sie mehr
Geld für immer neue Vergnügungssüchte. Deshalb ist der Mensch wirklich zum
Sklaven von Produktion und Konsum geworden. Wirtschaftliche Maßstäbe
bestimmen sein Dasein, an anderen höheren und menschenwürdigeren Werten
fehlt es ihm oft, und sein Leben neigt zu Primitivität und Sinnlosigkeit.
Zum
großen Glück besteht jedoch Hoffnung auf eine Veränderung, denn auch
andere, neue Stimmen werden hier und dort in der Konsumgesellschaft laut. Das könnte
die Morgendämmerung der Erlösung und Befreiung der Menschheit aus den
Ketten und der Sklaverei von Produktion und Konsum bedeuten.
Die
Tatsache, dass hauptsächlich die Jugend protestiert, ist hierbei besonders
erfreulich und viel versprechend.
Seit
längerem schon geben nämlich junge Menschen überall auf der Welt in
Wort und Tat ihren Protest kund. Sie verkünden, das Leben in diesem luxuriösen,
prunkvollen Palast, sprich Wohlstandsgesellschaft, fänden sie sinnlos, ohne
Nutzen und erniedrigend:
Wer
von den Bewohnern Eures protzigen Vergnügungsschlosses ist überhaupt glücklich?
Auf
welches sichere Ufer steuert Euer vollgepfropfter Luxusdampfer zu?
Inwieweit
kümmert sich Eure großartige Zivilisation um Ansehen und Wert des
Menschen selbst?
Ist
die so mannigfaltige Technik dem Menschen untertänig oder sind wir
Menschen es, deren Denken und Handeln ausschließlich der Herstellung und
dem Funktionieren dieser Technik zu dienen hat?
Eure
technische Zivilisation ist zwar imposant. Sie hat Entfernungen zwischen Städten,
Kontinenten und Planeten verkürzt, hat die große Welt in einen kleinen
Bezirk, in ein kleines Haus verwandelt. Aber hat sie auch die Bewohner dieses
Hauses einander nähergebracht? Hat sie die Herzen einander näherkommen
lassen? Oder hat sie in Wirklichkeit nur die Orte näher aneinandergerückt,
die Herzen aber nur noch weiter voneinander entfernt? Schlimmer noch: Haben sich
die Menschen nicht mit Leib und Seele lukullischen oder geschlechtlichen Genüssen,
dem Erstreber verschiedenartiger Positionen und ähnlichen Begierden
verschrieben?
Wie
kann da noch die Rede sein von Herzen, die einander fern oder nah sind?
Natürlich
sind diese und ähnliche Protestrufe hauptsächlich in Ländern zu
hören, deren Menschen im Wohlstand leben und sich nicht um ihre Existenz zu
ängstigen brauchen.
Dagegen
wissen die überall auf der Welt im Elend dahinsiechenden Völker oftmals
noch nicht einmal, was es heißt, satt zu sein, weder die Männer, noch
ihre Frauen und Kinder, noch ihre Nachbarn und ihre anderen Leidensgenossen.
Zwangsläufig
kreisen daher auch ihre Gedanken um Veränderungen, ob friedlich oder
gewaltsam herbeigeführt, die vor allem ihrer materiellen Armut und ihrer
wirtschaftlichen Not ein Ende setzen.
Geht
es den armen Nationen aber erst einmal gut, wird ihnen wohl ein ähnliches
Schicksal widerfahren wie den reichen Völkern von heute (Anm. des Übers.).
Die Bestrebungen der entbehrenden Länder sollte man daher in weiser
Voraussicht von vorneherein in die richtigen Bahnen lenken, um sie vor diesem
Geschick zu verschonen.
Zweifellos
sind in den beiden großen politischen Lagern, Ost und West, viele zu sich
gekommen. Befreit von der Zwangsidee des Wirtschaftswunders und Wohlstandswachstums
wurde ihnen dabei einiges klar:
Seit
Jahrhunderten ist der Mensch bemüht, sich immer besser fürs Leben auszurüsten.
Statt eines besseren Lebens wird er jedoch heute in riesigen Fabriktempeln
erbarmungslos dem Götzen Technik zu Füssen geworfen.
In
beiden Systemen hat man den Menschen mancher Privilegien des Menschseins
beraubt, unter dem Vorwand, dies sei in der heutigen Ordnung zur Inganghaltung
des komplizierten Räderwerkes von Wirtschaft und Industrie erforderlich.
Dem
Menschen von heute genügt es aber nicht mehr, von Wissenschaft und Industrie
bloß zu hören, wie man leben soll, sondern hartnäckig besteht er
darauf zu erfahren, wozu er lebt.
Viele
Menschen kommen zu sich. Sie melden sich mit nicht zu überhörendem
unzufriedenem Raunen oder auch lautem Protestschrei zu Wort. Dies könnte,
allen pessimistischen Prophezeiungen zum Trotz, der Vortrupp erster Anzeichen
einer glücklichen und segensreichen Bewusstwerdung der Menschheit sein, könnte
ihr Anstoß zu nachhaltigen Veränderungen geben und die Renaissance
der humanen Gesellschaft herbeiführen. Auch besteht die Hoffnung, dass keiner
sich mehr täuschen lassen wird, und dass niemand wie bisher, die
Entwicklung der Technik für die Entwicklung des Menschen hält. Die
Menschen könnten, einmal zu tieferer Erkenntnis gelangt, das wahre und
humane Ziel ihrer fortschreitenden Evolution wiederfinden und sich fest
entschlossen in der Richtung vorwärtsbewegen, die ihrer Würde
entspricht, und sie zu Glück und einem frohen Ergebnis hinführt.
So
prachtvoll, schön und vergnügungsreich das hiesige Leben auch sein kann,
wem es an einem dauerhaften Ziel, an Glauben und geistigen Werten fehlt, dessen
Dasein ist nach Ansicht des Korans leer und sinnlos.
Wer
einem vergnügungsreichen, aber ziellosen Leben nacheilt, wird letzten Endes nur
Schaden haben. Seine Anstrengungen auf Erden werden vergeblich und ohne Ergebnis
sein.
In
Sure AI Hadid, Vers 20 heißt es daher auch:
“Wisset,
dass das Leben in dieser Welt nur ein Spiel und ein Tand ist und ein Gepränge
und Geprahle unter euch, und ein wettrennen um Mehrung an Gut und Kindern. Es
gleicht dem Regen (der Pflanzen hervorbringt) deren Wachstum den Bauern erfreut.
Dann verdorren sie, und du siehst sie vergilben, dann zerbröckeln sie im
Staub.”
An
anderer Stelle (Sure An-Nur Vers 35-40) spricht der Koran abermals vom Schicksal
zielloser Menschen zu uns, nachdem er anfangs das Ziel bestimmt und den
Zielstrebigen Belohnung verspricht.
Gott
ist das Licht von Himmel und Erde, so heißt es in diesen Koranversen.
Wahrer Kern der Welten ist. Er gibt allem seine Bedeutung. Er ist Wegbereiter,
zeigt die Richtung, ist das Endziel allen Seins. Das Ziel ist Gott.
Beruf,
Geld und Kaufgeschäft können den ehrsamen Menschen laut Koran nicht
davon abhalten, Gott zu gedenken. Gott ist Hauptziel in seinem Leben. Seine
Bemühungen sind ertragreich und werden reich belohnt.
Je
mehr er sich Mühe gibt, desto mehr wird er an Weisheit und Reinheit gewinnen
und sich der Vervollkommnung nähern.
Denjenigen,
die aber ohne festes Ziel, Gott verneinend oder ohne echten Glauben an Ihn,
einfach dahinleben, droht ein schlimmes Schicksal, denn alle ihre Taten werden
nutzlos sein.
“Die
Handlungen der Ungläubigen sind wie Luftspiegelungen in einer Ebene, die
der durstige Wanderer für Wasser hält. Sobald er aber dort hinkommt, wo er
Wasser zu finden glaubte, trifft er nichts an außer Gott, und Er wird ohne
Abstrich über seine Taten abrechnen. Er ist schnell im Abrechnen."
Oder
die Handlungen der Ungläubigen sind wie die Finsternis in einem tiefen
Meer, das von Wogen dicht bedeckt wird und über dem noch dunkle Wolken hängen.
Vollkommene Finsternis. Finsternis über Finsternis. Nichts ist zu sehen. Nicht
einmal die eigene Hand, wenn man sie ausstreckt. Wem Gott kein Licht mit auf
den Weg gibt, dessen Weg bleibt dunkel und unbeleuchtet.”
Wer
näher hinsieht, wird feststellen: was heute nach immensen Fortschritten in
Wissenschaft und Industrie und nach gewaltiger Bedeutungszunahme der materiellen
Komponente im menschlichen Dasein mit immer größerer Deutlichkeit
zutage tritt, das wurde dereinst schon im Koran offenbart:
Das
ausschließlich materielle Leben ist nur eine Täuschung.
Wer
nur nach materiellen Gütern eifert, dessen Mühen bringen keinen bleibenden
Ertrag.
Bei
ausschließlich materieller Orientierung lebt die Menschheit ohne Richtung,
Ziel und Sinn. Umgeben von Ungewissem Dunkel (Dunkel der Zukunft (Übers.))
sieht sie sich in den Strudel von Sinnlosigkeit und ziellosen Umherirren
herabgezogen.
Zu
guter Letzt bleibt eben weiterhin die Frage offen:
Welchen
Sinn hat das Leben überhaupt? „Wozu leben wir“
Die
Schuld daran, dass die Menschen ihr Dasein als sinnlos empfinden, schreibt der
Koran der Verbannung des Glaubens aus ihrem Leben zu.
Fehlender
Glauben ist schuld daran, dass das was Menschen tun, fast nur noch nach
materiellen Zielen ausgerichtet ist und verursacht, dass der Mensch in einen
Kreislauf gerät, der nur aus Produktion für Konsum und Konsum für
Produktion besteht und sonst nichts.
Menschen
können in ihrem Leben, was materielle Ziele anbelangt, zwar ohne Glauben
auch erfolgreich sein, sogar sehr erfolgreich, aber auf dem Höchststand
technischer Entwicklung und materiellen Wohlstandes werden sie zu Fall kommen,
denn im Hintergrund ihrer materiellen Wunschträume wird sich nichts finden,
was wahrhaft menschenwürdig gewesen wäre.
In
Sure Hud Vers 15 und 16 heißt es wie folgt:
“Wem
der Sinn ausschließlich nach dem diesseitigen Leben, seinen
Annehmlichkeiten und seinem Flitter steht, dessen Wünsche werden wir mehr oder
weniger erfüllen und der Ertrag seiner Bestrebungen wird ihm in diesem Leben
voll und ganz zuteil werden. Am Ende jedoch erwarten ihn und seinesgleichen
nichts anderes als leidvolle Feuerqualen. In sich zusammensacken wird dann das
großartige Schloss, das Leute wie er zusammengezimmert haben, und ihre
Werke werden sämtlich zunichte werden.”
Wenn
wir jemanden für so wahrhaftig halten, dass wir ihm ohne Bedenken vertrauen, so
sagen wir: "Ich bin von ihm überzeugt" oder "Ich glaube an seine
Aufrichtigkeit", und immer wenn wir vollkommen sicher sind, dass eine Sache
richtig ist, so sagen wir: "Ich bin von dieser Sache überzeugt" oder
"Ich glaube an ihr Zutreffen".
Wer
zu einer festen Meinung über eine Gedankenrichtung gekommen ist- zu einer
Ideologie, wie es im europäischen Sprachgebrauch heisst oder zu einer Weltanschauung,
wie man bei uns sagt-und diese mit leidenschaftlichem Eifer, mit Lust und
Freude seinem Leben und seinem Tun zugrundelegt, der ist, wie wir sagen, von
dieser Anschauung überzeugt, er glaubt an sie.
Glauben
bzw. Überzeugung bedeutet vollkommenes inneres Vertrauen in eine Person,
eine Sache, eine Weltanschauung, eine Religion usw.
Das
Gegenteil von Glauben ist der Zustand des Zweifeins, der Unschlüssigkeit, des
Schwankens und des Bedenkenhabens, sei es nun gegenüber einer Person oder
Sache, sei es im Hinblick auf eine Weltanschauung- und die natürliche Folge
dieser Unschlüssigkeit ist immer ein Gefühl des Misstrauens.
Keiner,
selbst ein Optimist, wird fest auf eine Person oder eine Weltanschauung bauen,
gegen die er Zweifel hegt, besonders dann nicht, wenn er damit rechnen muss,
dass er bei Schwierigkeiten den Grad seiner Überzeugung durch Ausdauer und
Einsatz unter Beweis zu stellen hat.
Kinder
schenken anderen Glauben, besonders den Menschen in nächster Nähe, den
Geschwistern, den Eltern, der Pflegeperson, der Kindergärtnerin usw.
Anderen zu glauben, spielt somit eine entscheidende Rolle in der Kindheit des
Menschen.
Ob
ein Kind die notwendige Reife fürs Leben entwickelt und einmal glücklich und
erfolgreich sein wird, hängt zum grossen Teil auch von dem Glauben der
Kontaktpersonen ab, vom Glauben der Mutter, des Vaters, des Lehrers und aller
anderen, die gegenüber dem Kind Verantwortung tragen. Nur denen unter ihnen,
die wirklich an ihren Erziehungsauftrag und den Erfolg ihrer Bemühungen
glauben, wird es gelingen, ihrer schwierigen Verantwortung gerecht zu werden.
Wer
schmiedet denn das zukünftige Glück eines Kindes, wenn nicht die Mutter, die
sich mit unermüdlichem Eifer, festem Glauben an ihr Ziel, verantwortungsbewusst
und liebevoll der Versorgung, der seelischen, geistigen und körperlichen
Erziehung ihrer Kinder widmet, der liebende Vater, der aus vollen Kräften
arbeitet und der an seine Aufgabe, die seelische und körperliche Gesundheit
jedes einzelnen Familienmitgliedes sicherzustellen und ihm das Leben angenehmer
zu gestalten, glaubt, und nicht zuletzt der Lehrer und Ausbilder, der mit
Interesse und aus Überzeugung die so verantwortungsvolle und schwierige
Arbeit des Lehrens und Erziehens ^auf sich nimmt.
Nach
vollendeter Kindheit beginnt die Zeit der Reifung und des Erwachsenwerdens.
Dieser Entwicklungsabschnitt ruft im jungen Menschen die verschiedensten körperlichen
und seelischen Veränderungen hervor. Hinsichtlich mancher Dinge, an deren
Richtigkeit er als Kind fest geglaubt hat, überkommen ihn nunmehr Zweifel. In
welchem Masse dabeisein kindliches Weltbild ins Schwanken gerät, ist von
Mensch zu Mensch verschieden. Manch einen überkommen derart viele Bedenken,
dass er plötzlich fast alles in Frage stellen muss, und es kaum noch etwas
für ihn gibt, was unangezweifelt bliebe.
Zweifel,
die positiv sind und uns weiterbringen
Zweifeln
kann positiv sein und zurPersönlichkeitsl-entwicklung beitragen. So kann
auch die Zweifelphase der Reifezeit in hohemMasse die geistigseelische
Entwicklung des jungen Menschen fördern, allerdings unter einer
Voraussetzung: Anzweifeln alleine genügt nicht: wer zweifelt, muss auch einen
gewissen Forschungsgeist mitbringen. Er sollte das Forschen nach der Wahrheit
lieben und an dessen Erfolg glauben.
Nur
diese Art von Zweifel ist wirklich positiv und aulbauend.
Natürlich
bedeutet Zweifeln in jedem Fall zunächst zerstören, nämlich das
zerstören, woran man bisher glaubte. Beginnt man aber daraufhin, nach der
eigentlichen Wahrheit zu suchen, dann wird Zerstörung zur Vorstufe des
nachfolgenden Aulbaus. Somit nimmt auch sie am Aulbau teil. Damit der Mensch überhaupt
nach der Realität forscht, müssen ja erst einmal die schwach fundierten
Vorstellungen seiner Kindheit zu Fall kommen.
In
diesem Zusammenhang darf man daher Zweifel als positiv und aufbauend betrachten.
Die
in der Pubertät aufkommenden Bedenken erwecken normalerweise in jedem einen
gewissen Forschungseifer. Es entsteht fast der Eindruck, man wolle in der
Kindheit eingeflösstes Wissen s'ämtlich über Bord werfen, um- wie in
vielen anderen Dingen- auch in dieser Hinsicht auf eigenen Beinen zu stehen und
die Zeit des Kindseins und der Abhängigkeit schnellstens
hintersichzulassen.
Wie
man sieht, wird auch die Phase des Zweifeins von einer Art Glauben begleitet,nämlich
Glauben an sich selbst,Glauben daran, dass man auf eigenen Füssen stehen muss
und versuchen sollte, selbst zu verstehen und eigenständig der Wahrheit
nachzugehen.
Das
Zweifeln der Reifezeit öffnet uns die Tore zu einer anderen Welt, einer
Welt voller Rätsel und Unbekanntem, ufer- und grenzenlos. Der Eifer packt
uns.Wir wollen mehr wissen. Hoffnungsvoll begehen wir uns ans Forschen und sind
fest davon überzeugt, mehr und genaueres über das uns Unbekannte zu erfahren,
wenn wir der Sache nur auf den Grund gehen. Was wäre wohl, wenn wir
Menschen weder daran glauben würden, dass unermüdliches Forschen uns zur
Wahrheit führt, noch darauf aus wären, die Wahrheit überhaupt zu
entdecken? Würde uns nicht die Flut der Zweifel jeglicher Freude berauben und
unsere Kräfte lahmlegen?
Wie
in der Kindheit, spielt Glauben auch in der Reifezeit eine entscheidene Rolle für
die geistige Entfaltung des Menschen, diesmal Glauben daran, dass man unermüdlich
nachforschen muss. will man die Welt von neuem und richtig verstehen.
Die
-uns heute in Wissenschaft und Technik zur Verfügung stehenden Errungenschaften
sind zumeist der mühefollen Forschungsarbeit Einzelner zu verdanken, die durch
ständiges Experimenten darauf aus waren, neue wissentschaftliche Hypothesen
oder technischen Einfälle auf Richtigkeit oder Tauglichkeit hin zu
erproben, und dabei mitunter für nur ein Ergebnis hundert verschiedene Versuche
durchführen mussten.
Viele
von uns hatten sicher schon Gelegenheit, solchen Menschen einmal bei ihrer
Forschungsarbeit zuzuschauen, wir konnten beobachten, mit wieviel Interesse und
Gedult diese ihren mühevollen Untersuchungen nachgehen, und haben etwas von dem
Glauben gespürt, den ihre Gesichter ausstrahlen: Glauben an den Erfolg, Glauben
an Sinn und Wert von Wissenschaft und Forschung, Glauben an ihre Arbeit.
Wie
sehr dieser Glauben Arbeitsfreude und -erfolg fördert, können
besonders diejenigen von uns empfinden, die selbst einmal eine wissenschaftliche
Untersuchung durchführen durften.
Sobald
der Mensch auf eigenen Beinen steht, d.h. das Entwicklungsalter abgeschlossen
hat und er' erwachsen geworden ist, muss er selbständig den Schwierigeiten
des Lebens entgegentreten und eigene Entscheidungen treffen. Dies erfordert die
Absteckung eines Lebenszieles und Bestimmung des Weges, der zu diesem Ziele führt.
Es
ist schon ein grosses Glück, dass uns Menschen in dieser so wichtigen
Entscheidungsphase die Fähigkeit mitgegeben wird, genau über Ziel und Weg,
Lebensprinzip und Weltanschauung nachzudenken und nachzulesen und aufgrund
dieses Wissens die Auswahl zu treffen.
Was
der Mensch zur Entscheidung braucht, sind Kenntnisse, die den Glauben an sein
Ziel stärken und ihm Gewissheit geben. Dann erst kann er in dem unvermeidbaren
Auf und Nieder des Lebens sich bewusst und mit Bestimmtheit auf der richtigen
Lebensbahn und auf das gesteckte Ziel hinzubewegen, und nur dann wird er seines
zielbewussten Strebens nie müde werden.
Wer
an eine Weltanschauung glaubt, dem werden, ob er will oder nicht, bestimmte
Einschränkungen auferlegt und Aufgaben abverlangt.
Jede
Weltanschauung unterliegt den ihr eigenen Bestimmungen und einer festen Ordnung.
Wer sich für eine bestimmte Ideologie entschieden hat und daran glaubt, wird
automatisch gezwungen, auf Einhaltung der damit verbundenen Vorschriften zu
achten. Er kann daher nicht mehr nur noch nach eigener Lust und Laune und ohne
Einschränkungen leben.
Selbst
diejenigen, die auf dem Standpunkt stehen, man müsse sozusagen frei von jeder
Weltanschauung,in völliger Zwanglosigkeit und Formfreiheit leben, sind,
obwohl sie keiner der bestehenden Ideologien anhängen, doch auch wieder,
wie alle anderen, an gewisse Regeln gebunden, die sie zu beachten haben. Sie
lehnen bestimmte gesellschaftliche Regeln ab, z.B. das Anziehen von Kleidung,
sind daher auch dagegen, dass jemand im normalen Zustand, z.B. angezogen, an
ihren Veranstaltungen teilnimmt, denn dies würde gegen ihr Prinzip der
Zwanglosigkeit verstossen. Auf diese Weise unterwerfen sie sich aber einer
Ordnung, die ihnen Zwänge auferlegt, obwohl sie angeblich gegen jede
Gesellschaftsordnung sind und an Zwangslosigkeit und Formfreiheit glauben.
Es
ist deshalb verwunderlich, dass manche eine Gesellschaftsordnung oder
Weltanschauung erwarten, in der sie sich keinen Regeln und Zwängen zu
unterwerfen brauchen. Dass es eine solche Ordnung nicht geben kann, dessen müssen
sich besonders die Intellektuellen unter uns bewusst werden. Unter ihnen gibt
es welche, die jede Art von Zwang scheuen und jegliche Einschränkungen
ablehnen.
Mit
einer solchen Ansicht können sie sich wirklich selbst über die alltäglichsten
Dinge kein Urteil mehr erlauben, denn ein Intellektueller darf nicht vor Zwängen
und Vorschriften fliehen, sondern soll nach der Wahrheit suchen und muss die
Wahrheit akzeptieren.
Wenn
Kinder glauben, so ist ihr Glaube wirklich rein und echt, aber ihm haftet ein
Fehler an: Er entsteht nicht durch Wissen und Überlegung, sondern eher
durch Beeinflussung des passiven Kindes durch seine Umwelt.In Wirklichkeit
ist daher der kindliche Glaube eine Art Reflexion, und gerade deshalb können
die kindlichen Vorstellungen den im Entwicklungsalter aulkommenden Zweifeln
keinen Widerstand leisten, und der kindliche Glaube gerät in diesem Alter
ins Schwanken.
Natürlich
kann man auch nicht mehr von einem Kind erwarten. Im Entwicklungsalter kann der
Mensch dagegen bewusst glauben, d.h. glauben aufgrund von Analyse, genauer
Überlegung und Kenntnissen.
Was
die Islamische Glaubenslehre betrifft, so ist der Koran die wichtigste Quelle.
Unablässig fordert er uns zum Nachdenken, zur Besinnung, zum objektiven
Beobachten und objektiven Denken, zum Nachforschen und zur gedanklichen
Analyse auf.