Hermeneutik des Dialoges aus islamischer Sicht

 

Thema : Hermeneutik des Dialoges aus islamischer Sicht Referent : Prof. Dr. A. Falaturi Textnummer : 1000A

Hermeneutik des Dialoges aus islamischer Sicht

 

 

Meine Ausführungen hier in diesem Vortrag liegen ca. 36 Jahre Dialogerfahrungen zugrunde, dich ich hauptsächlich mit christlichen Gesprächspartner gesammelt habe. Als Produkt zweier Kulturen, der islamischen und der westlichen, spüre ich in diesem Sinne in mir einen tiefgreifenden dialogischen Prozeß, der oft in einer unentschiedenen Dialektik endet. Mit dieser Bemerkung möchte ich die sich daraus entwickelte Sensibilität hervorheben, die hier als Leitfaden für die Bearbeitung des mir vorgelegten Themas gilt.

Begriffserklärung

 

Nicht Religionen sind es, die miteinander Gespräche führen, sondern Religionskundige, die über die Religionen im Zwiegespräch stehen. Aber auch nicht jedes Zwiegespräch verdient, Dialog genannt zu werden. Bestimmte Phänomene aus dem Kontext verschiedener Religionen herausgreifen und miteinander zu vergleichen – wie dies in der Vergleichenden Religionswissenschaft geschieht – ist längst kein Dialog. Das kann auch ein Religionskundiger tun, der überhaupt keiner Religion angehört.

Ein lebendiger, weiterführender Dialog kann ausschließlich dort stattfinden, wo jeder der Gesprächspartner aus Überzeugung und Verantwortung seine Religion vertritt. Dennoch kann nicht jedes Gespräch unter solchen Gesprächspartnern den fruchtbaren Dialog verkörpern. Aus islamisch-koranischer Sicht, verstärkt durch meine langjährigen Erfahrungen, erhält nur dasjenige Zwiegespräch den Dialogcharakter, bei dem zwei Komponenten gewährleistet sind: Zum einen hat jeder der Dialogpartner durch die ganze Begegnungszeit hindurch sich darum zu bemühen, den anderen annähernd so zu verstehen und zu begreifen, wie er sich selbst versteht und wie er seine eigene Religiosität empfindet. Zum anderen hat jeder Dialogpartner zu versuchen, sich insofern in der Lage des anderen zu versetzen, als er sich stets zum Ziel setzt, von dem anderen so verstanden und nachempfunden zu werden, wie er sich in seinem eigenen religiösen Bewußtsein begreift. Jeder muß sich also dem anderen offenbaren können, und zwar nicht rein theoretisch; entscheidend ist dabei die Intensität der Pflege der eigenen Religion bzw. des eigenen Glaubens. Diese Begriffsbestimmung impliziert die für einen erfolgreichen Dialog notwendigen Bedingungen und Voraussetzungen. Sie schließt zugleich alles aus, was dem im Weg steht bzw. alles, was – wie nicht selten der Fall ist – nur einen Scheindialog zur Folge hat.

 

Notwendige Bedingungen für einen erfolgreichen Dialog:

 

Die allerwichtigste Bedingung dafür ist, sich innerlich von dem Beharren auf den Besitz einer exklusiven Wahrheit zu distanzieren. Gehen die Dialogführenden - oder einer von ihnen – davon aus, daß nur sie jeweils im Besitz der absoluten Wahrheit sind, und die anderen sich auf dem Irrweg befinden, so ist dem darauf folgenden Streitgespräch von vorne herein die Basis für einen Dialog im oben genannten Sinne entzogen. Die Vorstellung alleiniger Seligkeit für seinen Glauben und des Verdammnisses für die anderen ist nichts außer einer kurzsichtigen Einengung der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit und einer egozentrischen Bevormundung Gottes; Himmel bzw. Paradies und Hölle unter den Menschen zu verteilen bzw. sich als Pförtner von Himmel und Hölle hervorzutun, zeugt von einer naiven Vorstellung der Mensch-Gott-Beziehung.

Diese innerliche Haltung hat einer weitere zu Folge, die ebenso als Bedingung für einen Dialog unerläßlich ist, d.h. die Bereitschaft, selbstkritisch und differenziert mit den eigenen Glaubensinhalten umzugehen und Mut zu haben, die Schwäche und Fehlentwicklungen innerhalb der eigenen Religionsgeschichte zuzugeben. Andernfalls haben wir es erfahrungsgemäß mit einem offenen und latenten Schlagaustausch zu tun, der nur das Positive bei sich und bei dem andern nur das Negative sieht. Wir haben alle als Menschen, ob Buddhisten, Juden, Christen oder Muslime, ehrlicherweise zuzugeben, daß unserer Unzulänglichkeit nicht zuläßt, daß wir das Ideale, was die Religionen uns vorschreiben, voll verwirklichen können. Dieses Zugeständnis ist dahingehend wichtig, daß man nicht nur die Fehler der anderen sieht, sondern auch die eigenen Fehler und gerade diese Fehlerhaftigkeit mit als ein Thema in dem Dialog berücksichtigt und in diesem Sinne sich offenbart: Ich bin Muslim, ich kann aber nicht hundertprozentig gemäß islamischer Anweisungen leben. Trotz fürsorglicher Barmherzigkeit Gottes langen meine Kräfte nicht dazu, dem komplizierten Alltag gegenüber meiner Verantwortung gerecht zu werden. Auch der Buddhist, der Jude, der Christ hat dies zu tun, um zu vermeiden, daß sein religionswidriges Fehlverhalten in den Augen der anderen als Praxis seiner Religion gehalten wird.

 

Durchführung eines Dialoges und dessen Voraussetzungen:

 

Die Erfüllung dieser Dialogbedingungen setzen in erster Linie die gleichberechtigte Partnerschaft unter den Dialogparteien voraus. Ansonsten liegt die Gefahr einer hochmütigen Einseitigkeit nahe, woraus sich – wie oft in christlich-islamischen Gesprächen erlebt wird – die Bevormundung eines Gesprächspartners durch den anderen entwickelt.

Damit ist eine weitere Voraussetzung eng verbunden, nämlich der gegenseitige Respekt. Jeder hat den anderen in seiner Religiösität und seinem Festhalten an seiner Glaubensüberzeugung zu respektieren bzw. tolerieren. Tolerieren aber nicht im Sinne, ihn zu dulden. Tolerieren gleich dulden impliziert nämlich schon die Überzeugung, daß der Partner sich sowieso auf einer unteren Stufe befindet, man läßt ihn nur großzügigerweise weiter existieren. Gemeint ist also nicht Toleranz im Sinne der Aufklärung, sondern im koranischen Sinne, nämlich im Sinne der Anerkennung des Partners in seiner vollen Identität; darauf komme ich zurück.

Diese tolerante Haltung zieht folgerichtig eine dritte Voraussetzung nach sich, nämlich die Bereitschaft und sogar die Neugierde, von dem Gesprächspartner zu lernen, nicht nur die positiven Lebenswerte des anderen, sondern auch seinen Umgang mit den Alltagsproblemen und seiner Lösungsversuche.

Trotzdem und gerade deshalb gilt die Bewahrung der eigenen Identität als eine wichtige Voraussetzung für fruchtbare Dialoge im oben genannten Sinne. Die Unsicherheit in der eigenen Sache zeugt von einer strukturellen Verunsicherung auf beiden Seiten. Genauso sind Kompromißversuche mit der Absicht, dem Partner einen Gefallen zu tun, dahingehend irreführend , als sie bestenfalls rein individuellen Charakter haben und in keiner Weise die Ansicht der Anhänger der jeweiligen Religionen repräsentieren.

 

Dialog in Verantwortung für alle Menschen:

 

Der eigentliche Garant für einen wirkungsvollen Dialog als Friedensinstrument kann heute und in der Zukunft die Überzeugung und das Bewußtsein der beiden Dialogpartner von einer gemeinsamen Verantwortung für die Welt und für alle Menschen ohne Unterschied sein. Es handelt sich – zugegeben – um einen schwer erreichbaren, aber unerläßlichen Anspruch:

Wer kann als Christ, wer kann als Muslim, wer kann als Jude oder Buddhist behaupten, daß er wirklich alle Menschen gleich behandele, alle Menschen gleich akzeptiere. Haben nicht die Christen Menschen erster, zweiter, dritter und vierter Klasse unter sich, wenn sie sich auf Christen anderer Länder, lateinamerikanische, afrikanische Länder, beziehen? Haben die Muslime nicht de facto solche Abstufungen unter sich? Werden die Muslime in einem fremden, aber islamischen Land gleich behandelt? Sorgt nicht die Nationalitätszugehörigkeit doch für eine Abstufung bis in die Diskriminierung hinein? Gibt es bei den Juden in Israel nicht diese Unterschiede? Genießen die Juden, die aus dem Orient kommen das gleiche Ansehen wie diejenigen, die aus Europa kommen? Sind wir wirklich von uns überzeugt, daß wir alle Menschen gleich behandeln? Ich weiß es nicht. Jedenfalls diese gemeinsame Verantwortung für die Welt und alle Menschen ohne Unterschied: Farbe, Religion und Herkunft usw. muß sogar als Ziel des heutigen Dialoges unter den Religionen gelten, wenn es wirklich darum geht, Dialog als eine Friedensaufgabe anzusehen und nicht als Geschäft, d.h. als eine theologische und sogar wissenschaftliche Beschäftigung.

 

Scheindialoge:

 

Die hier explizit ausgeführten Anforderungen scheinen kaum in der Praxis bewußt berücksichtigt zu werden. Erfahrungsgemäß handelt es sich oft um eine belastende Atmosphäre, worunter die religiösen Zwiegespräche leiden. Das liegt daran, daß sie von Motivationen getragen werden, wofür der Ausdruck Dialog lediglich als ein legitimierendes Instrumentarium verwendet wird. Man hat somit mit Scheindialogen zu tun.

Es sind die Fälle, wo von vorneherein eine gegenseitige Skepsis unter den am Dialog Beteiligten herrscht;

die Fälle, wo eine negative Einschätzung des Glaubens des Partners Ansatz für Fragestellungen liefert;

die Fälle, wo die Überheblichkeit bezogen auf die eigene Sache von vornherein die Wahrnehmung des Partners und seiner Überzeugung unmöglich macht;

die Fälle, wo die Geringschätzung des Partners nie zuläßt, von ihm etwas Positives zu lernen;

die Fälle, wo die Gespräche dazu dienen sollen, die bereits bestehenden Voreingenommenheiten und Vorurteile zu bestätigen; ganz besonders durch die Engpässe, die man dem Partner in den Weg stellt.

die Fälle, wie die als negativ zu bewertenden Erscheinungen (Gewalt, Frau) im Überzeugungsbereich des Partners zum Dialogausgangspunkt gewählt werden;

die Fälle, wo das Festhalten an den herkömmlichen Feindbildern die Sicht für die Aufarbeitung der Vergangenheit zugunsten einer hoffnungsvollen Gegenwart und Zukunft sperrt;

die Fälle, wo die Absicht besteht, den Gesprächspartner auf die Anklagebank zu setzen und ihn zu verurteilen, um sich auf seine Kosten zu profilieren;

die Fälle, wo die Gesprächspartner nicht bereit sind, selbstkritisch über die eigene Religion, über die eigene Religionsgemeinschaft und über die Entwicklung der eigenen Geschichte zu reflektieren;

die Fälle, wo die versteckten Absichten wie zum Beispiel Missionierungsgedanken die Gespräche tragen, bei denen de facto der Dialog als ein apologetisches Werkzeug unter Anwendung aller missionarischer Künste (latente Defamierung der Religion des Partners und unauffällige Hervorhebung der Vorzüge der eigenen Überzeugung) benutzt wird;

und schließlich die Fälle, wo extreme Gründe, wie aktuelle politische Anlässe – und diese beherrschen leider heute sogar die Dialogszene der Gesprächspartner – seit der Revolution im Iran und ganz besonders im Zusammenhang mit dem Golfkrieg – eine Dialogveranstaltung nach der anderen heraufbeschwören lassen, bei denen der Dialog bestimmte aktuelle Erscheinungen aus dem Kontext der Lehre, der Geschichte und dem Überzeugungsfeld herausgreift und ein wahrlich verzerrtes und zu verurteilendes Bild von der Religion und der Kultur des anderen (das geschieht besonders zum Nachteil des Islam) konstruiert. Der Dialog wird lediglich als ein politisches Mittel zur Herabwürdigung des Partners mißbraucht, und die Dialogveranstalter als bewußte oder unbewußte Mitläufer der unberechenbaren Politik eingesetzt. Dialogthemen sind in solchen Fällen Schlagwörter, die im Zuge der langwierigen politischen Auseinandersetzungen zwischen dem Westen und den orientalischen, insbesondere den muslimischen Ländern entstanden sind und nie aufhören werden zu entstehen, solange es herrschende und beherrschte Länder gibt. Bei den Schlagwörtern, so alt ihre Ursprünge auch sein mögen und so unterschiedlich sie auch formuliert werden, handelt es sich um ein und dasselbe Ziel. Sie sollen stets eine Gefahr, eine mysteriöse Gefahr für den Westen signalisieren, um das Spannungsfeld zwischen den beherrschten und herrschenden Ländern anzuheizen, um dementsprechende Aktionen und Unternehmungen vor der Weltöffentlichkeit zu legitimieren.

Wir wissen alle, daß unser Leben heute mehr als je zuvor von einer gewissen Politik vorgeplant und durch die Medien programmiert wird. Es ist eine Gewissensfrage, ob die für den christlichen und islamischen Glauben Verantwortlichen sich in diesen Strudel hineinziehen lassen dürfen. Sollten wir zusehen – und sogar mitmachen -, daß die Religion mit allen neuen technologischen Mitteln ein neues verfeinertes Instrument zur Erreichung einer skrupellosen und politischen Eigennutzes defamiert wird? Wäre Gott der Bibel und Gott des Korans als Gott der Armen und Unterdrückten mit uns, die im Namen dieser Religion operieren, einverstanden? Ich weiß es nicht. Das ist eine Mahnung, die ich in erster Linie an mich und an sie alle richte. Wenn ich hier ausführlicher auf dieses Phänomen eingehe, so liegt es einfach in der Tatsache, daß ich kaum in den letzten Jahren, ganz besonders nach dem Untergang der UdSSR, ein Gespräch erlebt habe, bei dem dieser extrem Anlaß, der weltpolitische, nicht dominierend gewesen ist. Das zerschlägt alle Friedenshoffnung mittels der Religionen und widerspricht ganz und gar dem Thema unserer Veranstaltung. Es bleibt in solchen Fällen kein Platz dafür, über die Hermeneutik der Religionen nachzudenken.

Es geht hier nicht – und kann auch nicht – darum, die Scheindialoge zu verurteilen uns sie zu unterbinden. Hier geht es um Hermeneutik des Dialoges. Das kann nur erreicht werden, wenn von vorneherein klargestellt ist, was und mit welcher latenten oder offenen Zielsetzung unter dem Deckmantel des Dialoges verfolgt wird.

Dialog im oben genannten Sinne und unter der geschilderten Rahmenbedingung soll heute die Anhänger verschiedener Religionen in die Lage versetzen können, je in seinem eigenen Glauben ein neues Identitätsbewußtsein zu erlangen. Auch die Theologie kann daraus profitieren. Diese – ob christlich oder islamisch – basierte bislang in der Hauptsache auf apologetischen Grundlagen: auf dem Negativen bei dem Anderen und auf dem Positiven bei sich. Eine neue Ära der Theologie kann – und soll – jeweils auf der Grundlage des Selbstverständnisses des anderen eingeleitet werden. Es läßt sich vorausahnen, wieviele neue Ansätze, Anregungen, Thesen, Theorien und sogar im nachhinein neue Interpretationen eigener Religionsgeschichte daraus hervorgehen kann; eine gegenseitige positive Befruchtung ist die kleinste Folge daraus.

 

Inhaltliche Differenzierung:

 

Ihren eigenen Problemkreis bildet die Undifferenziertheit der Ebenen, worin der jeweilige Dialoggegenstand integriert ist. Anders als die Rahmenbedingungen, die ganz und gar subjektiv, d.h. wie bereits erörtert lediglich an Einstellung, Absicht und Verhaltensweise der Gesprächspartner orientiert ist, handelt es sich hierbei um inhaltliche Differenzen, die ein und dasselbe Wort, ein und denselben Terminus beinhaltet, je nach dem, in welchem Kontext es gedacht ist.

Es ist ausschließlich die Eigenart der Hochreligionen ganz besonders die der das ganze Leben umgreifenden monotheistischen Religionen, bei denen die reine Lehre in ihrem Verwirklichungsprozeß allerlei Schattierungen und Modifikationen unterworfen ist. Es handelt sich einerseits um die daraus entstandenen Spannungsfelder und andererseits um die über die Religionslehre hinausgehenden geistigen Strömungen, die zu unterschiedlicher Prägung derselbigen Religion führen. Die Dialogpartner reden aneinander vorbei, wenn sie von vornherein keine gemeinsame Diskussionsbasis festlegen.

 

Spannungsfelder:

 

Was die Spannungsfelder anbetrifft, so handelt es sich innerhalb der Religionen in der ersten Linie um das Spannungsfeld zwischen dem Anspruch der verkündeten Lehre und der alltäglichen Verhaltensweise ihrer Anhänger. Ich vermeide hier bewußt, dieses Phänomen als Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit der jeweiligen Religion zu bezeichnen. Wirklichkeit einer Religion ist die vollständige Verwirklichung derselben. Die landläufige Formulierung "Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit" ist unkorrekt, ja falsch, wenn man mit der Wirklichkeit die Abweichung von der Lehre im Auge hat. Wir sind bei den Dialog-Veranstaltungen oft Zeuge dieser Verwechslung. Man redet vom Islam oder vom Christentum positiv oder negativ und meint damit die Taten ja ganz deutlich die islam- oder christentumwidrigen Taten ihrer Anhänger. Es geht hier keineswegs um die Beschönigung der Religionen und deren Freisprechung von Problemen. Nein! Es geht lediglich um die Notwendigkeit der Einhaltung der gleichen Ebene bei jedem Dialog, wenn dieser von einer Erfolgsabsicht getragen werden soll.

Ein weiteres Spannungsfeld, das nicht minder zum Vertausch verschiedener Ebenen führt, ist das zwischen der Lehre und dem sich daraus unvermeidlich entwickelten Volksglauben . Es ist nicht gemeint, daß man den Volksglauben als falsch zurückweisen soll. Nein. Es ist sogar interessant, auf der Ebene der interreligiösen Volksglauben oder sogar Aberglauben Dialoge zu führen, um den Gründen und der Art dieser Phänomen nachgehen zu können, vorausgesetzt, daß sich dabei keinen Ebenentausch bei dem einen oder bei dem anderen einschleicht.

Ein weiteres, ebenso unvermeidbares Spannungsfeld ist das zwischen der Lehre und dem wissenschaftlichen Umgang damit. Jede Lehre – jüdische, christliche, islamische usw. Lehre – gibt von sich aus Anlaß zu verschiedenen Ansätzen: Interpretationsansätze. Das ist – im Unterschied zu einer Philosophie, die möglichst widerspruchsfrei sein soll die positive Eigenart der Offenbarungstexte, die durch ihre konkrete – nicht abstrakt gedachte – Lebensbezogenheit auf unterschiedliche Situationen, situationsgemäß und situationsgerecht reagieren und sogar unterschiedliche Aussagen über das gleiche Phänomen machen. Der Dialog wird mehr Erfolg erzielen, wenn es den Dialogpartnern gelingen würde, klarheitshalber historische Bezugssituationen zu rekonstruieren, anstatt mittels theologischer Spekulationen die Lage zu verkomplizieren und den Dialog in eine Sackgasse zu führen.

Ein recht störendes Spannungsfeld rührt von der aktuellen Weltpolitik her. Hier sind es die Anhänger dieser oder jener Religion, die im Einklang mit oder im Widerspruch zu dieser oder jener politischen Erscheinung im Namen ihrer Religion auftreten. Wegen ihrer Aktualität tauchen solche Erscheinungen bei vielen Zwiegesprächen vordergründig auf. Durch Ebenenvertausch und Undifferenziertheit bekommt das Gespräch eine verkehrte Laufbahn, vor allem dort, wo – wie angedeutet – eine ähnliche Absicht dahinter steckt. Die Pro- und Kontraeinstellung der Muslime zum Aufruf Saddams zum Dschihad brachte den Islam und die Gespräche darüber in eine solch komplizierte Situation, obwohl weder das eine noch das andere weder mit der Lehre des Islams noch mit dessen Praxis etwas zu tun hatte – es war ein rein politisches Phänomen im Rahmen der Beziehungen zwischen dem Westen und dem islamischen Orient.

 

Dialog und die außerreligiösen geistigen Strömungen:

 

Zweifellos bildet der Glaube den fundamentalen Grundstein der Identität jedes Individuums. Genausowenig besteht Zweifel daran, daß dies nicht allein für die Zustimmung der Identität einer Person oder einer Gemeinschaft ausschlaggebend ist. Ein nicht minder starke Wirkung geht von weiteren, im Dialog selten thematisierten, geistigen und gesellschaftlichen Strömungen aus, die verschiedenen Völkern gleichen Glaubens unterschiedliche Prägungen gewähren. Es sind unter anderem ethnische Charakterzüge, eigenartiger Sprache und die damit verbundene spezifische Denkart; historische Begebenheiten; traditionelle Grundwerte; regionale Sitten und Gebräuche; mythologische Erzählungen; Raum- und Zeit bedingter Aberglaube; spezifischer Tradition- und Gewohnheiten bedingter, sich an den jeweiligen offiziellen Glauben anlehnender Volksglaube; eigenartiger Sensibilität für Kunst, Literatur, Dichtung und Philosophie usw.; kulturelle Eigenheiten; ideologische Sichtweise, wirtschaftliche, gesellschaftliche, rechtliche und politische Verhältnisse und aus alle dem entstandene sonderbare Welt- und Lebensauffassung. Die Identität eines jeden Menschen – von seinem spezifischen, individuellen Besonderheiten abgesehen – ist im Grunde ein Komplex verflochten von fast unübersehbaren geistigen und gesellschaftlichen Strömungen, von denen die Religion eine Komponente – wenn auch sehr wichtige und zum Teil tragende Komponente – darstellt. Erfahrungsgemäß begeht man – vor allem bei christlich-islamischen Zwiegesprächen – den Fehler, daß man erstens, wie oben (erstes Spannungsfeld) erläutert, die Verhaltensweise der Anhänger der christlichen und islamischen Lehre mit der Lehre zu vertauschen und zweitens – und das ist schwerwiegender – alle die genannten Strömungen und deren faktische Erscheinungen als christlich oder islamisch zu bewerten. Der Dialog kann – anders ist es nicht zu erwarten – nur in eine Sackgasse geraten.

 

Ansätze zum Dialog im Koran:

 

Es handelt sich um Ansätze, die meinen Ausführungen hier zugrunde liegen: Bedingt durch die Situation, in der Muhammad seine Botschaft verkündete, finden wir im Koran klare Positionen bezüglich der Möglichkeiten und auf die Hermeneutik eines rein religiösen Dialoges. Wie Abraham befand sich Muhammad in der damaligen Weltsituation zwischen den Anhängern der Vielgötterei (hauptsächlich auf der Arabischen Halbinsel) und den Gläubigen an einen einzigen Gott: Juden, Christen, Zoroastrier (in Byzanz, Iran und zum Teil auf der arabischen Halbinsel). Wie Abraham entschied Muhammad sich in jener Situation eindeutig für den Ein-Gott-Glaube und wies unmißverständlich Vielgötterei zurück. Diese abrahamitische religiöse Haltung: Zuwendung zu dem einzigen Gott und Abwendung von allem, was außer diesem angenommen wird, nennt der Koran Islam und Abraham einen "aufrichtigen Muslim" (Sure 3,67).

Anders als bei Abraham jedoch hatte Muhammad noch drei unterschiedlich geprägte monotheitische oder am Monotheismus orientierte Religionen vor sich. Dazu kam noch die historische Tatsache, daß innerhalb der beiden Fronten (Polytheismus und Monotheismus) Jahrzehnte- wenn nicht jahrhundertelang bis zu Muhammads Zeit kriegerische Auseinandersetzungen das Leben der Völker bestimmten. Dies gab Muhammad einen besonderen Anlaß zum Gespräch sowohl mit Monotheisten wie auch mit Polytheisten.

Die letzteren bildeten die Hauptadressen seiner Botschaft. Dies geschah im Grunde ausschließlich mittels Gespräche, die er mahnend und verheißend, jedoch kompromißlos, mit ihnen führte. Interessant für die Hermeneutik des Dialogs sind die Fälle, wo die Gespräche mit Anhängern der Vielgötterei in die Sackgasse gerieten. Dort heißt es: "Weder ich werde verehren, was ihr verehrt habt, noch werdet ihr verehren, was ich verehre. Ihr habt eure Religion, und ich habe meine Religion." (Koran: Sure 109, 4-6). Noch interessanter ist die Glaubenslehre, die diesen nach Koran zusteht, auch wenn sie sich nach der koranischen Überzeugung auf den Irrweg befinden. "Es gibt keinen Zwang in der Religion. Der richtige Wandel unterscheidet sich nunmehr klar vom Irrweg. Wer also die Götzen verleugnet und an Gott glaubt, der hält sich an der festesten Handhabe, bei der es kein Reißen gibt. Und Gott hört und weiß alles." (Koran: Sure 2,256). Der Dialog mit den Polytheisten bedeutet hier einerseits nie aufhören, diese zu mahnen und für Gottgläubigkeit zu gewinnen, und andererseits jedoch sie als Menschen dulden bzw. gelten lassen. Von größerer Bedeutung ist die Tatsache, daß auch seine auf Polytheisten gerichteten Mahnungen und Verheißungen von Anfang an Abraham orientiert waren. Gerichtet an diese heißt es bereits in den ersten Phasen seiner Verkündung in der Sure al-A´la (Sure 87; wahrscheinlich die vierte offenbarte Sure): "Dies (der verkündete Ein-Gott-Glaube und dessen moralische Folgen) steht in den früheren Blättern, den Blättern von Abraham und Moses." (Koran: Sure 87, 18-19).

Was das Verhältnis Muhammads zu den Monotheisten betrifft, so dürfte es der Realität nach nicht ganz einfach gewesen sein wegen der unterschiedlichen Ausprägung des monotheistischen Grundwertes und wegen der Verflochtenheit der herrschenden Religionen, die mit einer besonderen machtpolitischen Ausrichtung versehen sind. Doch die abrahamitische Grundhaltung, Islam: Zuwendung zu einem einzigen Gott ist es, die auch hier eine klare Basis für das Verhältnis Muhammads zu den Juden, Christen und anderen Monotheisten in der Theorie und Praxis schaffen sollte, was die Hermeneutik des Dialoges aus der Sicht des Islam, konkret gesagt aus der Sicht der von Muhammad verkündeten Lehre, bis heute bestimmt: In der spät-medinesischen Sure Al-Ma´ida (Sure 5) heißt es: "Diejenigen, die glauben, und diejenigen, die Juden sind, und die Sábier und die Christen, all die, die an Gott und an den Jüngsten Tag glauben und Gutes tun, haben nichts zu befürchten, und sie werden nicht traurig sein." (Koran: Sure 5,69). Gerichtet speziell an die Schriftbesitzer (Juden und Christen) schon in der mekkanischen Sure al-Ankabút (Sure 29) legt der Koran die Dialogbasis mit Ein-Gott-Gläubigen fest: "Und streitet (genauer, führet dialektische Zwiegespräche) mit den Leuten des Buches nur auf die beste Art, mit Ausnahme derer von ihnen, die Unrecht tun. Und sagt: "Wir glauben an das, was zu uns herabgesandt und zu euch herabgesandt wurde. Unser Gott und euer Gott ist einer. Und wir sind ihm ergeben (muslimún." (Koran: Sure 29,46). Festgelegt wird der abrahamitische Inhalt der Zwiegespräche noch deutlicher in der ebenso medinesischen Sure al-Imrán (Sure 3): "Spricht: Oh ihr Leute des Buches, kommt her zu einem zwischen uns und euch gleich angenommenen Wort. daß wir Gott allein dienen und ihm nichts beigesellen, und daß wir nicht einander zu Herren nehmen neben Gott. Doch wenn sie sich abkehren, dann sagt ihr: "Bezeugt, daß wir gottergeben (muslimún) sind (Koran: Sure 3,64).

Maßgebend ist – wie unermüdlich im Koran betont wird – der Ein-Gott-Glaube, der Islam, also die einzig mögliche religiöse Haltung, sofern Gott in der Religion die Rolle spielt "Die Religion bei der Gott der Islam ist." (Koran: Sure 3,19) unterstreicht eindeutig diese Überzeugung mit allen ihren Konsequenzen: demnach gilt der Islam und die Bezeichnung Muslim inhaltlich und phänomenologisch nicht nur für Abraham sondern auch für Moses, Jesu und alle Propheten und Gesandte davor und danach, wie auch ihre Anhänger sofern sie dem Ein-Gott-Glauben anhängen. Es hatte sogar praktische Konsequenzen für die zeitgenössischen Juden und Christen auf der arabischen Halbinsel. Diese wurden gelobt und ihre religiöse Lebensweise fand bei Muhammad Anerkennung sofern sie sich jeweils ganz und gar nach ihren Schriften: Thora und Evangelien richteten. Getadelt und sogar aufs Schärfste verurteilt wurden sie, wenn sie diesen eindeutig zuwider handelten.

Getrübt wurden jedoch die Verhältnisse der Muslime zu den Anderen durch die Machtkämpfe, die zunächst von Polytheisten ausgingen, die aber dann ganz besonders jüdisch-muslimische und in einzelnen Fällen christlich-muslimische Beziehungen belasteten. (Vergleich: Artikel "Toleranz und Friedenstraditionen im Islam" in: Der Islam im Dialog, Köln 1992, S. 75-97). Trotz alledem und trotz der Tatsache, daß Muhammad zweifelsohne gerne hätte, wenn die zeitgenössischen Juden und Christen seine Lehre als vollständigste Prägung der abrahamitischen religiösen Haltung angenommen hätten, bietet der Koran in seinem zuallerletzt verkündeten Vers (Koran: Sure 5,5) – also nur einige Monate vor Muhammads Tod – Tisch und Ehegemeinschaft mit Juden und Christen. Dies geschieht in einer Zeit, wo die Muslime absolute Oberhand besaßen und keinerlei Abhängigkeit von Juden und Christen, die dazu führen könnten, vorlag. Diese einmalige, praktisch einseitige, gesellschaftliche Anerkennung der Juden und Christen und nicht das Tolerieren derselben im Sinne, sie zu dulden bzw. gelten zu lassen, kann nie genug geschätzt und betont werden. Das bietet einen uneingeschränkten Ansatz für das Verstehen und Begreifen des Koran in seinem Selbstverständnis und eine uneingeschränkte Möglichkeit für den Dialog mit anderen Religionen.

 

Islamische Christologie versus christliche Christologie:

 

Dennoch zogen das koranische Verständnis vom Ein-Gott-Glauben und das strenge Festhalten daran ein großes theologisches Problem nach sich, das direkt die christlich-islamischen Verhältnisse betrifft. Gemeint ist die sich daraus ergebende islamische Christologie, die völlig von der christlichen Christologie abweicht. Auf den Dialog zwischen Christen und Muslimen bezogen bedeutet das, eine Schwierigkeit, unter der die meisten Zwiegespräche leiden. Dieses Phänomen nämlich sorgte und sorgt weiterhin dafür, daß nicht selten die Christen und Muslime aneinander vorbeireden. Darauf bin ich in einem Aufsatz eingegangen.

(in: Gemeinsam vor Gott, Religionen im Gespräch, Buch für Interreligiöse Begegnungen, Bd. 1, 1990/91, S. 133 f.). Der Grund, warum die Anhänger beider Religionen aneinander vorbeireden liegt in den unterschiedlichen Christologien: christlicher und islamischer Glaubenssysteme zur Folge haben. Zur Erläuterung seien hier einige Abschnitte daraus mit Ergänzungen gebracht.

Von entscheidender Bedeutung für das islamische Glaubenssystem ist die feste Überzeugung, daß die offenbarte Rechtleitung (hudáf: rechte Weg, der Weg zu dem einzigen Gott unter Ausschluß allen dessen, was außer ihm verehrt wird) als Licht derjenigen Gottesausgerichtetheit entspricht, die Gott dem Menschen als dem einzigen Träger des Göttlichen Geistes ("... Und wenn ich (Gott) ihn (den Adam) den ersten Menschen gebildet und ihm von meinem Geist eingehaucht habe... Koran: Sure 15, 29) von seiner rechtschaffenen Natur (fitra) mit auf den Weg gegeben hat (Koran: Sure 30,30) eine konsequente Übereinstimmung der Schöpfung und der Offenbarung. Die Rechtleitung ist somit nicht etwas, was dem Menschen von außen aufgezwungen wird. Sie ist vielmehr im Rahmen der Göttlichen Barmherzigkeit eine Notwendigkeit, ohne die der Mensch nicht allein in der Lage sein wird, das höchste Ziel: Nähe Gottes, zu erreichen; der Mensch ist ja (das wurde durch den Schöpfungsakt deutlich – Koran: Sure 2, 30ff) parallel zu seiner engsten Verbindung mit dem Göttlichen seiner inneren Neigung und äußeren Irreführung ausgesetzt.

Rechtleitung als Barmherzigkeit Gottes (z.B. Koran: Sure 16,89), bzw., seine Barmherzigkeit in Form von Rechtleitung bilden das Herz des islamischen Religions- und Glaubenssystems, ähnlich wie Liebe, Erlösung und Heil das Herz des Christlichen. Keines von beiden ist auf das andere übertragbar. Grundsätzliche Unterschiede wirken dahin, daß (von der völlig unterschiedlichen, nie überbrückbaren islamischen und christlichen Christologie abgesehen) auch andere, sogar zentrale Begriffe wir Schrift, Glaube, Religion, Prophet, Gesandte je einen anderen Sinngehalt erhalten. Während z.B. die Schrift in der christlichen Theologie im Schatten von Jesus weitgehend an Bedeutung verliert, bildet sie im Islam als Ausdruck der von der Barmherzigkeit begleiteten, offenbarten Rechtleitung für jeden Menschen die Möglichkeit, direkt von Gott angesprochen zu werden, und somit von neuem (d.h. zusätzlich zu der ihm angeborenen Verbindung zu Gott) bewußt zu erfahren.

Die Schrift muß aber (in Folge der islamischen Sichtweise) konsequenterweise unfehlbar und unantastbar sein, sonst ist sie unglaubwürdig und verfehlt ihr Ziel. Das gleiche gilt im Islam für die Überbringer der Rechtleitung (die Gesandten und Propheten). Während diese im Rahmen des zwingenden Erlösungsglaubens erlösungsbedürftig und mit und mit der Last der Sünde behaftet sind bzw. sein müssen, verwahrt sich der Koran entschieden gegen solche Anschuldigungen. – Andernfalls wären diese nicht mehr glaubwürdig und hätten weder etwas verbindliches verkünden noch selbst als Vorbilder für ihre Anhänger gelten können. Die grundsätzliche Zurückweisung der biblischen Prophetendarstellungen seitens des Korans sollte einem apologetischen Drang befreiten Historiker Anlaß dazu geben, aus historischem Grunde die pauschal wohl unreflektierte These, der Koran sei von der Bibel abgeschrieben, zu revidieren.

Der Koran bestätigt wiederholt seine Verbindung mit der Thora und dem Evangelium; allerdings nur über die Offenbarung. Die Folge ist eine grundsätzliche Änderung, welche die koranische Christologie rechtfertigen und Anlaß zu folgenden Fragen geben:

Wo kommen diese grundsätzlichen und keineswegs zufälligen Modifikationen der biblischen Texte her, die nur in das islamische Glaubensgebäude konsequent hineinpassen, den biblischen Darstellungen völlig widersprechen, ohne welche jedoch seinerseits das von der christlichen Theologie vorgetragene Glaubenssystem nicht bestehen kann. Konsequent ist de Koran eher in seiner Überzeugung, daß des nur die "Gottesausgerichtetheit" ist, die als Inhalt der offenbarten Rechtleitung – und das nennt der Koran ´Islam´ - immer und überall jeden Menschen mit seinem Gott verbinden kann, eine Überzeugung also, der die christliche Theologie nicht zustimmen kann, weil sie sich sonst aufheben wird, eine Überzeugung ferner, worauf der Koran nicht verzichten kann weil das von ihm gebrachte Glaubenssystem damit steht und fällt.

Mit anderen Worten geht es im Koran nicht um die Sünde-Erlösung-Überzeugung, sondern um eine Überzeugung, die von der unmittelbaren Sünde-Reue-Vergebung bestimmt ist, wie dies anhand der Geschichte Adams im Koran demonstriert wird (Sure 2,30 ff.). Wir haben also mit zwei verschiedenen Glaubensmodellen, je mit einem anderen anthropologischen Ansatz, zu tun, von denen jede in sich konsequent abgeschlossen ist.

Das christliche Modell geht anthropologisch gesehen von einer permanenten Sündhaftigkeit des Menschen als dessen Wesensmoment aus; das koranische hingegen geht von der durchaus positiven Anlage des Menschen, nämlich seiner gottesausgerichtet geschaffenen Natur als von einem nach dem Koran evidenten Wesensmoment, aus.

Weder kann die christliche Theologie ihre strukturierte Christologie aufgeben, noch wird der Koran von seiner im Wesen des Phänomens "Islam" begründeten Christologie abrücken. Darin könne wir nun am klarsten die unterschiedlichen Wesensmerkmale und Grenzen zwischen Christentum und Islam sehen. Es sind – zumindest theologisch gesehen unüberbrückbare Grenzen; kein Kompromiß kann überzeugend die Kluft aufheben, weil diese jeweils das gesamttheologische Gebäude bis in den letzten Baustein erfassen. Nur ein Dialog im eingangs genannten Sinne, nämlich "der Versuch, den anderen annähernd so zu verstehen, wie jener sich selbst versteht, und das Bemühen von den anderen so verstanden zu werden, wie man sich selbst begreift", kann ein gegenseitiges Verständnis unter Bewahrung der eigenen Identität ermöglichen.

Die eigentliche Schwierigkeit – meines Erachtens – rührt von den Theologien, die man um beide heilige Texte, Bibel und Koran, entwickelt hat und auch in der dazu jeweils notwendigen Sprache. Ich habe z.B. gestern Abend mit Wonne und Interesse die Ausführungen von Herrn Kollegen Otte über das Thema "Dialektik zwischen Kreuz und Auferstehung" gehört und versucht, das nachzuvollziehen. Als eine intellektuelle, spekulative Interpretation hat die gesamte Ausführung meine volle Bewunderung gehabt. So sehr aber, daß ich mir Mühe gegeben habe, gefühlsmäßig die Feinheiten, die darin steckten, nachzuvollziehen, um so weniger habe ich Erfolg gehabt. Die Theologie und die theologischen Ausführungen bauen auf Prinzipien und Voraussetzungen, die jeweils in der Gefühlswelt der Gläubigen tief verankert sind. Diese sind aus der Sicht der jeweilig betroffenen reale Grundlage, die den entsprechenden Spekulationen Sinn und Gehalt verleihen. Wenn man nicht im Besitz dieser emotionalen Grundlage ist, wirken die klügsten Spekulationen wie ein leeres und hohles Gebäude. Ich bin sicher, daß einem Christen das Gleiche widerfährt, wenn er mit subtilen Spekulationen z.B. um das Wesen der Gesandtschaft und des Prophetentums – was wie oben erwähnt eine zentrale Bedeutung für den islamischen Glauben hat – konfrontiert wird, weil ihm von Anfang an die emotionalen Kanäle zu diesem Phänomen fehlen.

Auch die Religionsphänomenologie, die abendländisch-christlichen Raum einen beachtlichen Erfolg erzielt hatte, konnte bislang hier eine Brücke bauen. Sie geht nämlich hauptsächlich – anders konnte es auch nicht zu erwarten sein – von christlicher Begrifflichkeit aus und versucht die anderen Religionen zu begreifen. Möglicherweise hat sie im Falle der anderen Religionen mehr Erfolg erzielt als im Hinblick auf den Islam. Das Übersehen von zweierlei Christologien und zweierlei Glaubensmodellen dürfte hier von entscheidender Bedeutung gewesen sein. Eins könnte höchstwahrscheinlich hilfreich sein: die Gründung einer neuen Theologie auf beiden Seiten auf der Grundlage des gegenseitigen Selbstverständnisses. Langfristig kommen wie die Christen noch die Muslime darum herum, wenn sie es mit dem Dialog – im genannten Sinne – ernst nehmen.

Es gibt aber für Christen und Muslime jenseits ihrer spekulativen Theologien einen anderen, einfacheren Weg, sich als Gläubige näher zu kommen; einen Weg, den die heiligen Schriften beider Religionen vorgezeichnet haben. Ich meine- meine Damen und Herren – den Weg, worauf oben hingewiesen wurde: Das ganze christliche Glaubenssystem steht und fällt mit der Maxime "Liebe". Parallel dazu haben wir gesehen, daß das islamische Glaubenssystem mit der Maxime "Barmherzigkeit" steht und fällt. Denn – um das noch einmal zu betonen – nur Gottes Hilfe und Gottes Gnade und Barmherzigkeit ist es, die nach der koranischen Überzeugung dem Menschen helfen kann, die Nähe Gottes zu erreichen und nicht seine eigene Leistung, keineswegs sein eigenes Werk. So gesehen werden die Christen und Muslime, sofern sie es mit einem Dialog ernst meinen, gut daran tun, wenn sie in ihren Begegnungen und Gesprächen auf jeder Ebene und in jeder Situation von der gemeinsamen, funktionsgleichen Wurzel: Liebe und Barmherzigkeit ausgehen würden, um die sich die Mensch-Gott und Gott-Mensch-Beziehung dreht, und von dieser Basis aus für einander Gefühle entwickeln mit dem Ziel ihrer gemeinsamen Verantwortung für die Welt und alle Menschen in der Gegenwart und der Zukunft, im Frieden und Eintracht nachzukommen.


 

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