DAS GRUNDKONZEPT UND DIE HAUPTIDEEN DES ISLAM

PROF. ABDOLDJAVAD FALATURI, KÖLN

D

as Wort "Islam" assoziiert primär die Religion, die von Muhammad (geb. ca. 570 in Mekka, gest. 632 in Medina) mit dem Koran verkündet wurde, und zwar in der Zeit von 610 bis 632. Im allgemeinen Sprachgebrauch verwendet man das Wort "Islam" aber auch für jenen Kultur-komplex, der zwar nicht dem Koran entstammt, wohl aber in dem von ihm geprägten geistigen Umfeld entstanden ist (z.B. islamische Philosophie, islamische Kunst, islamische Mystik usw.). Nicht selten werden auch Geschichtsepochen und geschichtliche Ereignisse, die von Muslimen geprägt worden sind, als "islamisch" gekennzeichnet. Auf alle diese Phänomene hier einzugehen, ist weder das Ziel dieses Beitrags noch im Rahmen eines kurzen Referates möglich. Hier geht es lediglich um die von Muhammad verkündete Lehre. Man pflegt diese Lehre auf einige wichtige Phänomene zu reduzieren: auf die drei Hauptartikel, nämlich:

- Glauben an den einzigen Gott

- Glauben an die Offenbarungen vor Muhammad und an seine Gesandtschaft

- Glauben an den Tag des Jüngsten Gerichts.

Damit verbindet man vier rituelle Haupthandlungen als äußeren Ausdruck des Glaubens, nämlich Gebet, Fasten, Pflichtabgabe (zakat) und Mekka-Wallfahrt.

Darauf einzugehen, ist ebenso an dieser Stelle nicht meine Absicht.

Gemessen an der konkreten Situation, der Situation der jungen Kommilitoninnen und Kommilitonen aus verschiedenen europäischen Ländern, deren Engagement mich zur aktiven Beteiligung an der Programmgestaltung veranlaßt hat, möchte ich eine prinzipielle Darlegung der islamischen Lehre wagen, mit Blick auf die christliche Lehre und die europäische Geistesgeschichte.

Es geht also hier um den Islam als Lehre Muhammads und sein Selbstverständnis als Lebensprogramm für alle Menschen.

Die islamische Lehre, wie der Koran sie präsentiert, ist keine Lehre, die man als das Ergebnis eines jahrhundertelangen Prozesses menschlicher Erfahrungen und Denkens bezeichnen könnte, wie wir dies von einer reinen Philosophie als Leistung der geistigen Aktivitäten der großen Denker kennen. Sie ist aber auch keine Sammlung von Dogmen, die ohne Einbeziehung des Menschen als Willkürakt von oben herab vorgegeben worden ist und den Menschen zu einem blinden Gehorsam zwingt, wie man dies normalerweise von einer Religion erwartet.

Der Schöpfergott erschafft das Weltall, zu dem der Mensch mit einer besonderen Verantwortung gehört. Seine Erschaffung gründet sich auf drei Prinzipien: Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Allmacht.

Das Prinzip der Barmherzigkeit und nicht irgendwelcher Eigennutz ist der eigentliche Schöpfungsgrund.

Gerechtigkeit in dem Sinne, daß jedem Geschöpf das gewährt wird, was ihm in einer bewußt geordneten Schöpfung gebührt, bildet das Prinzip, durch das der Wille Gottes offenbart wird. Die Allmacht ist das Prinzip, nach dem sich der göttliche Wille als Ausdruck der rahma und Gerechtigkeit offenbart, aber nicht Ausdruck unberechenbarer Willkür.

In diesem Sinne ist, wie der Koran immer wieder betont, die gesamte Schöpfung "Zeichen" (dyat) Gottes, d.h. Zeichen eines von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit geprägten Willen Gottes.

Unter allen Kreaturen ist es der Mensch, der als Vertreter Gottes auf der Erde der höchste Ausdruck des göttlichen Zeichens ist. In diesem Sinne steht der Mensch an der Spitze der Schöpfung, mit ambivalenten, ja sogar konträren Eigenschaften. Es ist allein der Mensch, der mit freiem Willen agiert und für sich und alles in seinem Einflußbereich liegende Verantwortung trägt. So gesehen, denkt der Islam ganzheitlich.

Gott, Welt und Mensch stehen in einer engen Wechselbeziehung. Der Mensch ist gottausgerichtet geschaffen. Aus seiner Verantwortung heraus ist er für sein eigenes Tun verantwortlich, auch für seine Fehltaten. Seine Sünden belasten sein Verhältnis zu Gott; durch die Reue des Menschen bereinigt Gottes Güte, Gnade und Barmherzigkeit - nicht der Mensch durch seine eigenen Leistungen

- das getrübte Verhältnis. Es fehlt also die Notwendigkeit der "Erlösung" durch einen Erlöser. Im Islam hat man es mit einer direkten Mensch-Gott-Beziehung zu tun, ohne Mittler. Diese persönliche Beziehung zu Gott ist seitens des Menschen bestimmt durch sein Vertrauen zu Gott und göttlicherseits durch Barmherzigkeit.

Dieses besondere Verhältnis ist in einem anthropologischen Ansatz begründet, der seine Wurzeln in der bereits erörterten Relation Schöpfer-Geschöpf hat. Hier haben wir es mit einem grundsätzlichen Unterschied zwischen Islam und Christentum zu tun. Es geht um zwei verschiedene Glaubenssysteme, von denen jedes in sich logisch aufgebaut ist, ohne daß das eine auf das andere übertragbar wäre. Anthropologisch gesehen ist der Mensch nicht durch eine existentielle Sündhaftigkeit belastet, sodass das Opfer eines übermenschlichen Wesens zur Erlösung notwendig wäre. Statt des Sünde-Erlösungs-Systems mit dem Schwerpunkt auf Erlösung geht der Koran von folgendem Glauben aus: Es ist die Koranische Überzeugung, dass der Mensch von seiner geschaffenen Natur her gottausgerichtet ist, und zwar als Stellvertreter Gottes auf der Erde. Es liegt daher am Menschen selbst, diesen unbelasteten Kern, den er in sich trägt, zu entfalten. Der Mensch kann aber wegen seiner Unzulänglichkeiten und der unzähligen Versuchungen, denen er ausgesetzt ist, diese Aufgabe allein nicht bewältigen. - Es ist die Rechtleitung als Ausdruck der göttlichen Barmherzigkeit, die dem Menschen zu Hilfe kommt; Rechtleitung nämlich als Inhalt der Botschaft aller Gesandten seit Adam schlechthin. Rechtleitung bildet das Herz des islamischen Glaubens, wie die Erlösung das des christlichen. Es geht hier nicht um die Frage, welches der beiden Glaubenssysteme wahr ist, es geht um die Tatsache, dass es zwei verschiedene Glaubensordnungen gibt. Nicht von einer Heilsgeschichte im christlichen Sinne, sondern von einer Geschichte der Rechtleitung kann im Islam die Rede sein. Das hat Konsequenzen, die für uns hier von Bedeutung sind. Die Gottausgerichtetheit als eine von der Schöpfung her mitgegebene Anlage im Menschen korrespondiert mit dem Inhalt aller prophetischen Sendungen, nämlich der Rechtleitung (huda). Das bedeutet auch, daß alle Gesandten und Propheten ein und dasselbe verkündet haben: Die Anbetung des Einzigen Gottes, den Islam. Denn "Islam" heißt nichts anderes als "Anbetung des Einzigen Gottes". Diese koranische Überzeugung bestimmte das religiöse Verhalten der Muslime zu den Juden und Christen. Trotz historisch bedingter Auseinandersetzungen, die das Leben der arabischen Stämme prägten‘ und in die auch die Muslime verwickelt waren, verkündete Muhammad in der letzten Phase seiner Offenbarung die Erlaubnis zur Tisch- und Ehegemeinschaft mit Juden und Christen - nicht jedoch mit den Polytheisten. Das war nicht nur ein Akt von Toleranz, wie sie der Koran auch den Polytheisten zugesteht mit der Aussage: "Es gibt keinen Zwang in der Religion" (Sure 2,256). Das Angebot zur Tisch- und Ehegemeinschaft war vielmehr Ausdruck einer Anerkennung all derjenigen, die am Inhalt der göttlichen Rechtleitung, dem Eingottglauben, festhalten. Zugleich war dies ein eindeutiges Programm für eine friedliche Koexistenz von Anhängern verschiedener Religionen. Trotz aller bedauerlichen, dem Koran entgegenstehenden politischen Auseinandersetzungen hat dieses Programm seine juristische und gesellschaftliche Bedeutung bis heute nicht eingebüßt. Dieses Angebot zum friedlichen Miteinander auf der Grundlage der Verehrung des Einzigen Gottes war die Grundlage für eine in der Menschheitsgeschichte einmalige Zusammenarbeit zwischen Muslimen, Juden und Christen und Angehörigen anderer Religionen, die im Zeitraum zwischen dem 8. bis 10. Jahrhundert im islamischen Osten, sowie zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert im islamischen Westen jeweils neue Perioden der menschlichen Kultur eingeleitet hat. Im 8. bis 10. Jahrhundert war es die Aufarbeitung und Adaption der griechischen Philosophie und der geistigen Werte anderer Völker mit hoher Kultur. Im 12. und 13. Jahrhundert führte die Zusammenarbeit der jüdischen‘ christlichen und islamischen Wissenschaftler besonders im islamischen Westen zu einem neuen Aufschwung der menschlichen Erkenntnisse. Für dieses friedvolle und befruchtende Miteinander von Menschen verschiedener Religionen steht die maurische Stadt Granada bis heute als Symbol religiöser Toleranz. An diesen Geschichtsperioden wird deutlich, daß der islamische Einfluß ein unübersehbarer Bestandteil der abendländischen Kultur- und Geistesgeschichte ist. Auch die tiefe Verbindung zwischen Schöpfer und Geschöpf, wie der Koran dies sieht, d.h. die Überzeugung, dass die Schöpfung in allen Details ein Zeichen Gottes ist, unterscheidet die ganzheitliche Weltauffassung des Korans von der christlichen "Zwei-Welten-Theorie". Das bedeutet, daß der Islam keine Teilung der Welt in einen sakralen und einen profanen Sektor kennt. Als Zeichen Gottes hat alles und jedes eine direkte Beziehung zu Gott, erhält aus dieser Beziehung seine Wertigkeit und verkündet die allgegenwärtige Präsenz Gottes. Was die Handlungen des einzelnen Menschen betrifft, ist es seine Gesinnung, die seinen Handlungen einen guten, neutralen oder schlechten Wert verleiht. Entscheidend ist nämlich auch für die alltäglichen, nichtrituellen Handlungen, ob der Mensch diese aus dem Streben nach Gottgefälligkeit heraus vollzieht oder nicht. Diese Art von weltbejahender Einstellung beinhaltet auch eine Empfehlung für den Umgang des Menschen mit seiner Umwelt und den alltäglichen Dingen. Die Zuwendung zur Welt unter Berücksichtigung bestimmter Empfehlungen, die für die Gottbezogenheit der nach christlichem Sprachgebrauch "profanen" Handlungen sorgen, ist islamisches Gebot. Im Vergleich zu den Entwicklungen, die das Christentum im Abendland erlebte, ist diese islamische Einstellung von entscheidender Wichtigkeit. Die islamische Lehre bietet keinen Grund für eine Säkularisierung, Verweltlichung, wie dies im Westen erfolgt ist. Der Säkularismus ist ein abendländisches Phänomen, das eng mit der Aufteilung der Welt in einen sakralen und einen profanen Bereich zusammenhängt.

Das Koranische Programm ist:

Und strebe mit dem, was Gott dir zukommen ließ, nach der jenseitigen Wohnstätte, und vergiß auch nicht deinen Anteil am Diesseits. Und tu Gutes, so wie Gott dir Gutes getan hat. Und suche nicht das Unheil auf der Erde. Gott liebt ja nicht die Unheilstifter. (Sure 28,77)

Der westliche Säkularismus hat daher innerhalb einer wirklich islamisch geführten Gesellschaft keine Grundlage. Ebenso wenig kann das als Abwehrreaktion gegen den Säkularismus entstandene Phänomen des christlichen Fundamentalismus in der islamischen Welt eine Basis finden. Die vereinzelten gewaltsamen Erscheinungen in verschiedenen islamischen Ländern haben mit einem religiös begründeten Fundamentalismus nichts zu tun. Anstelle der Polarisierung "Säkularisierung - Fundamentalismus" haben wir in der islamischen Welt andere Probleme zu lösen: Auf der Grundlage von einigen wenigen Koranversen und den Kommentaren zu prophetischen Überlieferungen haben die Muslime seit dem Tode des Propheten Muhammad 632 damit begonnen, in völliger wissenschaftlicher Freiheit binnen 300 Jahren umfangreiche Rechtskompendien aufzustellen. Man nannte dies pauschal san‘a. Geleitet wurde die Entstehung der Schari’a von der Idee einer Verantwortung für die Regulierung des Lebens. Sich im Alltag auf sich verändernde Lebensbedingungen harmonisch aber dennoch gottgefällig einzustellen, war ihr Ziel. Flexibilität und Bewahrung der auf den Koran zurückgehenden oder aus ihm abgeleiteten Maximen bestimmte das Wesen des islamischen Rechtsdenkens. In diesem Sinne hatte das islamische Rechtswesen zu verschiedenen Zeiten und an unterschiedlichen Orten sich unterschiedlich entwickelt.

Seit dem 17. Jahrhundert ist die islamische Welt bei der Begegnung mit dem Westen mit Problemen konfrontiert, die nicht aus einer immanenten Entwicklung entstanden, sondern von außen an sie herangetragen wurden. Der externe Druck hat die islamische Welt gesellschaftlich, aber auch juristisch in eine Krise gestürzt. Das Problem ist also nicht Säkularisierung oder Fundamentalismus. Das Problem ist, wie man unter Einhaltung der koranischen Grundprinzipien in der sich verändernden Welt zurecht kommt.

Nicht nur die Anweisungen aus Koran und Sunna bilden die Grundlage der islamischen Regelung des Lebens, sondern vielfach auch die aus anderen Kulturen übernommenen Werte. So gesehen werden auch die von der Säkularisierung geprägten Werte für eine islamische Lebensweise annehmbar, sofern diese sich nicht auf zügellose Willkür gründen, sondern von Verantwortungsbewusstsein geprägt sind.

In seinem Gesamtkonzept fordert der Islam eine Ordnung, die nicht nur juristisch, sondern auch moralisch, und zwar bezogen auf die gesamte Gesellschaft, konfliktfrei ist. In diesem Sinne wird er sich solchen gesellschaftlichen Erscheinungen, die zu einer moralischen Instabilität der menschlichen Gemeinschaft führen, nicht unterordnen können.

Die Kritik des Islam an bestimmten Erscheinungen der westlichen Gesellschaft ist vielfach identisch mit der von verantwortungsbewußten westlichen Denkern, die vielen, unter dem Deckmantel der Freiheit vollzogenen Entwicklungen kritisch gegenüberstehen. Die Anpassung an die unter Berücksichtigung der Menschenwürde geprägten Werte unserer Zeit einerseits und die Bewahrung der islamischen Maximen unter selbstkritischer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte andererseits, sollte die Richtschnur für das zukünftige Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen sein.

Vortrag von Prof. Abdoldjavad Falaturi beim Kongreß "Europe and the Islamic Culture", 20.-22. Mai 1993 in Köln (Auszug aus einer umfangreicheren Studie des Verfassers.)


 

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