Avicennas grundlegende Gedanken zu den Prinzipien des Rechtes und der Ethik

Prof. Falaturi

Avicenna, geboren 980 in der Nähe von Buchara und gestorben 1037 in Hamadan, ist der dritte der drei namenhaften islamischen Philosophen, denen die islamische Philosophie ihr Entstehen und Bestehen zu verdanken hat. Sein erster Vorgänger war al-Kindi (gest. um 870) und der zweite al-Farabi (gest. 950) . Neben seiner Lehrtätigkeit liegt die Hauptleistung al-Kindis darin, durch seinen direkten Kontakt mit den wichtigsten Übersetzern der griechischen Philosophie aus dem Syrischen oder Griechischen in das Arabische für das bessere Verständnis des neu übernommenen fremden Gutes in der islamischen Welt zu sorgen. Zu diesem Zweck verfasste er sogar Lexika für verschiedene Fachrichtungen jeweils in kleinerem Umfang beschränkt auf Hauptbegriffe. Es gelang aber erst al-Farabi, der zwei Generationen später lebte und wirkte, das eigentliche Problem der Begegnung beider Kulturen in seinem Kern zu erfassen und für dessen Lösung Sorge zu tragen. Nicht allein die Unterschiedlichkeit der Sprachen und die damit verbundenen Probleme erschwerten die Übersetzung und die Adaptation der griechischen Philosophie durch die Muslime, sondern hauptsächlich die Unterschiedlichkeit der Denkweise. Al-Farabi, der noch das Glück hatte, die letzten nestorianischen Übersetzer als Lehrer zu erleben, hat sich die Aufgabe gestellt, die schwierigsten Werke und die schwierigsten Probleme der antiken Philosophen in Richtung der mit der arabischen Sprache verbundenen islamischen Denkweise zu kommentieren und hierfür grundlegende Werke ins Leben zu rufen. Wenn wir nun nachträglich über seine Leistung und über die Entwicklung der islamischen Philosophie nach ihm reflektieren, so fühlen wir uns berechtigt zu behaupten, dass ohne seine Leistung eine Integration der griechischen Philosophie in die islamische Welt kaum möglich gewesen wäre; eine Behauptung, die auch durch Avicenna selbst Bestätigung findet, wenn er sagt, er habe erst durch den kleinen Kommentar al-Fara bis zur Metaphysik von Aristoteles dieses Werk verstanden, nachdem er es in arabischer Übersetzung 40 Mal gelesen hatte aber nicht verstehen konnte. Avicenna, drei Generationen später als al-Farabi, hatte keinen direkten Kontakt mit den Übersetzern pflegen können. Dafür verfügte er mehr über das was al-Kindi, al-Farabi und andere Kommentatoren und Denker als Erbe hinterlassen haben. Er war daher der erste, der in der islamischen Welt Lehrbücher der Philosophie verfasst hatte, welche ihrerseits Logik, Physik, Metaphysik, Mathematik, Medizin, Astronomie usw. umfasst. Seine Lehrbücher haben der Form, dem Inhalt und der Methode nach die mittelalterliche Philosophie in Europa stark beeinflußt und gelten noch immer in der traditionellen wissenschaftlichen Richtung der islamischen Welt als beste Lehrbücher. Die islamische Philosophie hat ihr Gesamtsystem heute Avicenna zu verdanken. Alle drei großen Philosophen dachten hauptsächlich Platon und Aristoteles zu vertreten, zu welchem auch einige wichtige Aristoteles-Kommentatoren hinzukamen. Sie waren sich aber der Tatsache nicht bewusst, dass sie auch zugleich bestimmte neoplatonische und stoische Gedanken und Auffassungen der Philosophien der beiden großen griechischen Meister mitvertraten, diese aber für aristotelische oder Philosophen hielten. Reflektiert man einmal über die von den Griechen übernommenen Werke und Abhandlungen und dann aber auch über die von Muslimen im Anschluss daran geschaffenen philosophischen Schriften, so fällt eindeutig auf, dass die praktische Philosophie in allen ihren Zweigen im Vergleich zu anderen philosophischen Disziplinen weitestgehend der Qualität und Quantität nach zu kurz kommt. Die namenhaften Philosophen haben sich bestenfalls beiläufig und in geringerem Umfang mit ihr beschäftigt. Fast alle weisen zwar darauf hin, dass sich die Ethik mit drei verschiedenen Themen beschäftigt, mit dem richtigen Verhalten des Individuums, mit der Leitung des Haushalts (Ökonomie) und mit der Verwaltung des Gemeinwesens (Politik). Wenige von ihnen haben sich aber wegweisend für die islamische Welt damit beschäftigt. Woran liegt diese Vernachlässigung ?

Es kann nicht daran liegen, dass die Philosophen der praktischen Philosophie wenig Wert beigemessen haben. Laut ihrer Biographien sind sie aufrichtige, ja fromme Leute gewesen. Zum Teil genossen sie auch die Nähe mächtiger oder weniger mächtiger Herrscher, denen sie als enge Berater beistanden. Sie waren also mit dem praktischen Leben der Einzelnen und der Gemeinschaft vertraut und mussten darüber reflektiert und sich ihre eigene Meinung gebildet haben. Dass sie sich dennoch nicht der Aufgabe gewidmet haben, ausführlichere Werke darüber für die Gemeinschaft und für die jeweiligen Herrscher zu schreiben, lag auch nicht daran, dass die diesbezüglichen Werke so bekannt und so populär waren, dass sie keines Kommentars mehr bedurften. Im Gegenteil, selbst die diesbezüglichen Werke der beiden großen griechischen Meister, Platon und Aristoteles, die ins Arabische übersetzt waren, wurden im Vergleich zu ihren anderen Werken vernachlässigt. Sie wurden wenig kommentiert, wenig gelesen und gingen mit der Zeit teilweise verloren. Diese Vernachlässigung könnte auch nicht daran gelegen haben, dass sie die Philosophie etwa gegen das waren, was die Griechen als Grundlage der Ethik geliefert haben. Im Gegenteil, die namenhaften Philosophen, vor allem al-Farabi und Avicenna haben dazu positiv Stellung genommen und diese in ihrer eigenen Formulierung so wiedergegeben und dargestellt, als ob nur diese die einzig gültigen Gedanken für das menschliche Verhalten als Individuum und als Mitglied der Gesellschaft im Hinblick auf das moralische und juristische Verhalten sein würden. Mit diesen ihren verhältnismäßig kurzen Stellungsnahmen liefern sie auch zugleich die Antwort darauf, warum sie es nicht für notwendig gehalten haben, die von ihnen akzeptierten platonischen und aristotelischen Grundgedanken über das moralische, juristische und politische des Menschen weiter auszubauen und zu entwickeln, wie sie dies bei den anderen philosophischen Themen getan haben. Sie denken an eine Übereinstimmung der diesbezüglichen philosophischen und prophetischen Lehre und an eine formale Identität der

philosophischen und prophetischen Leistung im Bezug auf die Maxime der menschlichen Handlung. Zur Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung und darüber, ob Philosophie und Religion sich vereinbaren lassen oder nicht, haben sich viele jüdische, christliche und islamische Philosophen geäußert. Die islamischen Philosophen mit einigen wenigen Ausnahmen bejahen diese Frage, indem sie die Beeinflussung durch die jüdisch-christliche Haltung der alexandrinischen Schule durch ihre Einstellung zu dem Problem zeigen, obwohl sie sich niemals ausdrücklich darauf beziehen. Sie versuchen vielmehr auf dem Boden des koranischen Denkens stehend zu diesem Thema Stellung zu nehmen und dies zu bearbeiten. Trotzdem und gerade deshalb wiederholt sich die Frage in einer anderen Form: Warum sollte die Überzeugung einer Vereinbarkeit der Philosophie und der Religion gerade dahin wirken, dass die praktische Philosophie im Gegensatz zu den anderen philosophischen Bereichen zu kurz kommt ? In dieser Frage steckt zugleich die Antwort, die, die Philosophen darauf geben würden. Die gleiche Zielsetzung, nämlich die Erreichung der Glückseligkeit ist der Grund, dass die Übereinstimmung auf der praktischen Ebene, die alle Menschen ausnahmslos angeht,

größer ist als die diesbezügliche Übereinstimmung auf verschiedenen theoretischen Ebenen, die in der Tat Sache von engeren Kreisen sind, zu denen die Religionen gar keine Stellung genommen haben. Hierbei zeichnet sich eine deutliche Trennung zwischen dem Theoretischen und dem Praktischen ab. Während aus der Sicht einer religiösen Überzeugung für die Rechtfertigung des Theoretischen genügen würde, dass es nicht gegen die religiösen Prinzipien verstoße, so benötigt die Rechtfertigung der philosophischen Grundsätze auf der praktischen Ebene eine Übereinstimmung mit der Lehre der Offenbarung. Es kommt uns hier darauf an, wie Avicenna diese seine Überzeugung rechtfertigt und wie er, der nicht nur ein Philosoph, sondern auch durchaus ein ausgebildeter Rechtsgelehrter gewesen ist, die menschlichen Handlungen geregelt wissen will. Hierbei schließt sich Avicenna seinem Vorgänger al-Farabi in seiner Grundüberlegung an, er geht aber darüber hinaus und liefert eine These, die bei den späteren islamischen Philosophen mehr Anklang gefunden hat als die von Farabi. Diese These illustrierend und veranschaulichend sagt ein späterer islamischer Philosoph Sadraddin as-Sirazi (gest. 1640), dass der Prophet derjenige sei, der durch das Boot der Offenbarung die Menschen von der einen Seite des unruhigen Ozeans des Lebens zu der anderen Uferseite befördert, während der Philosoph durch eigene Kraft vom einen Ufer aus das andere Ufer zu erreichen versucht. Mehr als jeder andere islamische Philosoph hat al-Farabi die politischen und gesellschaftlichen Fragen thematisch behandelt. Bei ihm als Berater der hamdanitischen-schiitischen Dynastie ging es darum, eine Vereinbarung zwischen der Position und den Aufgaben eines Philosophen, eines Gesetzgebers, eines Königs und eines Imams zu treffen. Damit konnte er die Position seiner Schutzherren, die sich moluk (Könige) nannten und zugleich als Schiiten eine gewisse Führungsrolle, d.h. das Amt des Imam für sich beanspruchten, rechtfertigen. Philosoph, Gesetzgeber, Imam und malik stellen nach der Überzeugung Farabis vier verschiedene Aspekte ein- und desselben Sachverhaltes dar. Das Wort Philosoph deutet auf das theoretische Können hin, welches die Ebene der wissenschaftlichen Gewissheit durch Anwendung der apodiktischen Beweisführung erreichte, was auf der anderen Seite als unabdingbare Voraussetzung der gesetzgeberischen Tätigkeit notwendig ist. Diesen Rang erreicht erst der Philosoph, der einzige, der in der Lage ist, die praktischen Probleme und Fragen zu erfassen und zu thematisieren sowie dafür Regeln und Gesetze zu erlassen. Somit stellt die gesetzgeberische Tätigkeit einen weiteren Aspekt derjenigen Gestalt dar, um die es hier geht. Als Besitzer des höchsten theoretischen Könnens und der gesetzgeberischen Fähigkeit und Tätigkeit kann der Philosoph aber nicht seine gesellschaftliche Verpflichtung erfüllen, wenn er nicht in der Lage ist, die Masse des Volkes, zu der alle anderen außer ihm gehören, davon zu überzeugen. Er muss über ein praktisches Vermögen verfügen, durch welches er mittels der rhetorischen Schlussfolgerungen die Masse des Volkes überzeugen kann, diese Gesetze zu akzeptieren, auch wenn dies seitens der Bevölkerung nicht immer freiwillig erfolgt ist und sogar die Anwendung anderer Mittel dazu notwendig wäre. Diese praktische Anwendung der philosophischen Fähigkeit stellt denjenigen Aspekt an der philosophischen Gestalt dar, die Farabi mit dem Wort "malik" bezeichnet, welches eine gewisse Macht über die anderen beinhaltet. Erreicht nun der Philosoph dieses Stadium, d.h. das Stadium, dass die Bevölkerung nun mehr oder weniger aus Überzeugung seine Anweisungen befolgt, so ist er eine von der Bevölkerung akzeptierte Person; er ist Imam. Er ist gleichzeitig rais al-awwal, das erste Oberhaupt, auf das die Lösung der Probleme zurückkommt, bei der er von keinem anderen abhängig ist. Damit er aber nicht den Eindruck erweckt, er habe die gewaltsame Diktatur verteidigt, gibt es einen Katalog von Eigenschaften, die laut platonischer Darstellung und Anweisung ein solcher Prophet besitzen muss. Andernfalls wäre ein Philosoph ein falscher Philosoph, ein Schwindler, ein Heuchler und einer, der mehr seiner Leidenschaft und Sucht unterworfen ist als der Verantwortung, die er für die Menschen zu tragen hat. Damit hat al-Farabi zwar eine Erklärung für verschiedene Phänomene, wie er sie vorgefunden hat, gegeben. Er musste aber noch zwei weitere Fragen beantworten: 1. Wenn dem so ist, wie er es sich vorgestellt hat, warum sollte es eigentlich nicht nur eine einzige verbindliche Lehre für die gesamte Menschheit geben, weil der apodiktische Bereich einen auf den Menschenverstand bezogen allgemeingültigen geistigen Bereich darstellt und 2. Wie kann er diese seine These und Erklärung philosophisch bzw. metaphysisch begründen?

Die philosophische Begründung dieser seiner Überzeugung erreicht er durch Anwendung von zwei verschiedenen metaphysischen Theorien. Er geht einmal aus der Überzeugung heraus, dass es eine Seinsstufung bzw. eine Abstufung verschiedener Seinsarten und Seienden gibt, angefangen von der dunkelsten formlosen Materie bis hin zur Gestalt eines Philosophen, welche die beste Kombination der höchsten, mit der Materie verbundenen Form mit einer dementsprechenden Materie darstellt. Es reicht aber nicht aus, dass der Philosoph auf diese Weise befähigt ist, die ihm angedeuteten anvertrauten Aufgaben zu meistern. Dazu ist die Anwendung einer weitern metaphysischen These notwendig. Hier nimmt al-Farabi den intellectus agens (al-aql al-fa´al) zur Hilfe, zu dem der Philosoph erst durch seinen höchsten Rang Zugang findet bzw. vor dem er alles in der reinsten Form empfangen kann; eine Erklärung, die, die Beantwortung der ersten Frage, nämlich der Frage nach der Unterschiedlichkeit der Lehre, erschwert; wenn dem nämlich so ist, so müsste es folgerichtig nur eine Gesetzgebung für alle Völker geben, weil seiner Überzeugung nach der intellectus agens nur die reine Wahrheit erfasst, welche aber übereinstimmend eine und dieselbe ist. Hierfür nimmt al-Farabi die historische und faktische Lebensweise verschiedener menschlicher Gesellschaften zur Hilfe. Die Wahrheit, die, die Philosophen erreichen, ist zwar ein- und dieselbe, die Darbietung derselben aber muss entsprechend verschiedener Denk- und Lebensweisen der Völker eine dementsprechend unterschiedliche Formulierung und Symbolisierung finden. Dafür nimmt der Philosoph eine dialektische Sprachweise zu Hilfe, die je nach Mentalitätsunterschiedlichkeit der Völker variiert; eine Mentalität, die in der Unterschiedlichkeit ihrer natürlichen Lebensbedingungen begründet ist. Damit erreicht al-Farabi die Rechtfertigung dessen, was der Koran ausspricht und kommt zu dem Punkt zurück, von dem er als ein islamischer Philosoph ausgegangen ist. Er verweist an dieser Stelle zwar nicht auf den Koran - das wäre auch nicht notwendig gewesen - , er verwendet aber speziell hierfür die koranischen Termini, nämlich die Wörter "milla" für die Bezeichnung der Lehre und "umma" für die Bezeichnung des Volkes. Den erreichten Sachverhalt mit diesen Termini ausgedrückt heißt es: Nach Erreichung des höchsten menschlichen Daseinsgrades und der Verbindung mit intellectus agens gibt der Philosoph für das menschliche Verhalten als Individuum und als Mitglied der Gesellschaft Gesetze, die zusammen dem Inhalt einer Lehre, nämlich "milla", ausmachen; eine Lehre, die der Mentalität und Lebensweise des jeweiligen Volkes, nämlich "umma", entsprechen. Er empfängt auf dem Wege eines apodiktischen Denkens die Wahrheit und setzt sie dialektisch in die Sprache und Denkweise des Volkes um. Dass sie nun unterschiedlich aussehen widerspricht nicht der Einheit der Wahrheit und nicht nur das; es stimmt sogar überein mit dem, was der Koran diesbezüglich sagt, nämlich; "Und wir haben doch in jeder Gemeinschaft einen Gesandten auftreten lassen." (16/36) und " Und wir haben keinen Gesandten geschickt, außer in der Sprache seines Volkes, damit er ihnen Klarheit gibt." (14/4). Al-Farabi weist nicht auf diese Koranverse hin, obwohl er in seiner Erklärung dem Inhalt der beiden entspricht. Er kommt deshalb auch nicht auf das Ergebnis, was eigentlich auf der Hand liegt. Er gibt nämlich nicht ausdrücklich zu, dass er hiermit eine Identität der Offenbarung mit einem Teil der Philosophie behauptet und begründet hat, nämlich mit der praktischen Philosophie als dem Ausdruck des philosophisch-theoretischen Denkens für das jeweilige Volk. Er hätte sonst bei dem eben angedeuteten Nachweis der Identität des Philosophen mit dem Gesetzgeber mit dem "m a l i k" und dem "imam" und dem ersten Oberhaupt auch das Wort "rasul" (Gesandter) oder nabi (Prophet) als weiteren Aspekt ein- und desselben Sachverhaltes hinzufügen können. Obwohl er gelegentlich die Verbindung des Philosophen auf der höchsten Ebene mit dem intellectus agens als wahiya (Offenbarung) bezeichnet. Er muss mit Sicherheit seine Gründe gehabt haben, jedenfalls bleibt diese Schlussfolgerung für Ibn Sina erhalten. Ibn Sina tut dies aber nicht aus einem rein philosophischen Interesse; historische und sachliche Gründe bewegen ihn dazu. Avicenna geht es darum, die Offenbarung dem Wesen und der Funktion nach gegenüber denjenigen zu verteidigen, die, die Phrophetie ignoriert und die Propheten und Gesandten namentlich Moses, Jesus und Mohammed für Schwindler gehalten haben. Besonders gegenüber seinem Kollegen und Vorgänger, nämlich Muhammed Abu Zakariya ar-Razi. Ar-Razi, der übrigens zu den wenigen Philosophen in der islamischen Welt gehört, die nicht aus religiösen Gründen, sondern aus wissenschaftlichen Überlegungen einige Grundgedanken Aristoteles´ in der Metaphysik und Physik zu widerlegen versuchen, stellt das Prophetentum und die Propheten aus folgendem Grunde in Frage: Überzeugt davon, dass es einen Schöpfer-Gott gibt und auch davon, dass alle Menschen und Völker die gleiche Beziehung zu Gott haben, wofür übrigens auch der Islam plädiert, hält er es für ungerecht und daher für von Gott undenkbar, dass dieser nur bestimmte Völker dadurch privilegiert, dass er ihnen Gesandte und Propheten schickt. Ein Akt, der mehr Feindseligkeit, Kriege und Verluste unter den Menschen

zur Folge hat. Die göttliche Gnade und die göttliche Weisheit sprechen dagegen, so argumentiert ar-Razi, indem er davon überzeugt ist, dass der Schöpfer den Menschen dadurch unabhängig machte, dass er ihn mit Vernunft und Verstand ausgerüstet hatte, durch welche er im Leben den richtigen Weg finden und danach handeln könnte, wenn er sich dementsprechend eingesetzt und die notwendigen Voraussetzungen dafür verschafft hätte. Durch eine individuelle ilham, nämlich Inspiration, ist der Mensch in der Lage, seine kurz- und langfristigen Vor- und Nachteile zu erkennen und auseinander zu halten. Das entspricht mehr der göttlichen Gerechtigkeit als die Sendung der Propheten nur für einige Völker und dies auch mit unterschiedlichen Lehren und Nachteilen. Die anti-prophetischen Ansichten einer so hoch geschätzten wissenschaftlichen Persönlichkeit wie ar-Razi haben viele Theologen, Rechtsgelehrte und Philosophen dazu veranlasst, sich damit auseinander zusetzen. Eine große Beteiligung an dieser Auseinandersetzung fällt den ismailitischen Gelehrten zu, die philosophisch ausgebildet, politisch engagiert, die schiitisch-fatimidische Bewegung

in Ägypten unterstützten. Abu Hatam ar-Razi ist eine dieser Persönlichkeiten, deren Widerlegung der These von Muhammad Zakariya auch in Schriften Avicennas Widerhall finden, der auch eine schiitisch-ismailitische Ausbildung genoss. Er versucht nun das Wesen und die Funktion der Offenbarung philosophisch zu begründen. Ihm geht es nicht darum, die Person und die Funktion eines Propheten als einen weiteren Aspekt derjenigen Gestalt anzusehen, die wie al-Farabi betonte, den Philosophen, das Oberhaupt des Volkes, den Imam, den malik und den Gesetzgeber umfasst. Ihm geht es mehr darum, den Rang eines Propheten als höchsten Rang unter den übermenschlichen Menschen, als einen ontologisch notwendigen Akt zu beweisen. Während al-Farabi das Hauptgewicht auf die Person und Funktion eines Philosophen als eines Gesetzgebers legte und von da aus die Legitimation der Position eines imams zu erreichen versuchte ist für die Argumentation Avicennas die Funktion eines Propheten von primärer Bedeutung. Er zählt die Offenbarung und die Prophetie zu den Themen, die die Metaphysik zu behandeln hat. Er behandelt dementsprechend auch das Thema in seinen philosophischen Werken und verfasste außerdem darüber Monographien. Das Prophetentum als ein philosophisches Thema und der Prophet als Gesetzgeber und nicht etwa als Heilsbringer, der nur die religiösen Gefühle der Menschen anspricht. Prophetie, Prophetentum und Propheten sind für ihn unerlässliche Bestandteile der Gesellschaft und von daher ontologisch wichtig. Dementsprechend argumentiert er auch dafür: Er geht von dem Wesen der Gesellschaft aus, welch die spezifische Lebensweise und den besonderen Rang der Menschen unter allen anderen Lebewesen ausmacht. Die städtische Gesellschaft stellt die vollendete Form einer Gesellschaft dadurch dar, dass jedes Mitglied durch eine besondere Funktion den anderen Gesellschaftsmitgliedern dient und zugleich die Hilfe der anderen für sich in Anspruch nimmt. Eine Gesellschaft kann also durch die Beteiligung aller ihrer Mitglieder bestehen. Der Austausch der Leistungen und Gegenleistungen kann aber nicht ohne Regelung und ohne Gerechtigkeit geschehen. Dafür sind das Gesetz und die Gerechtigkeit notwendig sowie ein Gesetzgeber und ein Beschützer der Gerechtigkeit. Dieser muss die Menschen persönlich ansprechen und sie zu diesem Gesetz verpflichten können, daher muss er ein Mensch sein. Die Menschen dürfen nicht sich selbst überlassen sein, denn in dem Falle wird jeder das für gerecht halten, was zu seinen Gunsten ist und das für ungerecht halten, was seinem Interesse widerspricht. Für den Erhalt der Menschengattung auf der Erde ist aber die Existenz eines solchen Menschen, eines solchen Gesetzgebers, notwendig, viel notwendiger als viele andere Dinge, die zwar nützlich, aber nicht unerlässlich sind und dennoch geschaffen worden sind. Die gesellschaftliche Notwendigkeit der Existenz eines Propheten bedeutet aber längst nicht die ontologische Wirklichkeit derselben, dazu braucht Avicenna eine weitere Prämisse. Trotz der Notwendigkeit der Existenz einer solchen Person, eines Propheten, ist Gott nicht gezwungen, ihn zu schaffen und ihn zu senden. Hier beruft sich Avicenna auf ein göttliches Prinzip, was auch sonst von ihm des öfteren, vor allem

bei der Erläuterung der Entstehung der Welt, Anwendung findet; ein Prinzip, das aber nicht selten falsch verstanden und weswegen Avicenna eine pantheistische Lehre unterstellt wurde Es handelt sich um das Prinzip inayat. Wörtlich bedeutet dieses arabische Wort Zuwendung, Aufmerksamkeit, Sorge, Fürsorge und dergleichen. Das Wort kommt in der arabischen Übersetzung der pseudoaristotelischen Theologie vor, welche in Wirklichkeit die Übersetzung bestimmter Passagen der plotinischen Enneaden ist. Dort bezeichnet dieses Wort einen Akt des Denkens, durch welchen das Eine das Gute denkt. Diesen Begriff definiert Vicenna selbst in seinem Werke als "einen Wissensakt, durch welchen der Erste (Gott) das Ganze (Weltall) erfasst und das denkmäßige Erfassen alles dessen, was notwendig ist, da zu sein, um das Ganze als Ganzes bestehen zu können durch den Ersten." Einfacher formuliert heißt das: das göttliche Wesen umfasst das Ganze und alles, was notwendigerweise da sein muss, damit das Ganze als Ganzes existiert. Aufgrund dieses göttlichen Prinzips inayat wird alles, was zum Bestehen der besten Ordnung notwendig ist, von Gott erschaffen. Die Notwendigkeit liegt nicht auf der Seite des Schöpfers sondern bei dem Geschaffenen, bei dem Objekt der Schöpfung. Damit will Avicenna bewusst der These entgegentreten, die im Anschluss an Flotin die Schöpfung als einen unwillentlichen Zwangsakt des Ersten ansieht und zu einem Pantheismus gelangen, welcher als die Folge eines zwangsläufigen Überflusses des Daseins des Einen verstanden werden sollte. Auf unser Problem angewandt heißt es, dass das gesamte System, die gesamte Ordnung des Guten das Dasein der Propheten notwendig macht. Das göttliche Wesen umfasst dies und von daher entspricht sein Wille diesem Erfordernis des Daseins, er sendet die Propheten nicht, weil der gezwungen ist, dies zu tun, sondern weil die Sendung als solche notwendig ist und weil das göttliche Prinzip inayat diese Sendung unerlässlich macht. Das soll nicht als Dogma verstanden werden. Avicenna versucht weiter, die Offenbarung und Prophetie so philosophisch zu begründen wie al-Farabi die Notwendigkeit des Daseins eines Philosophen und die Notwendigkeit der Philosophie begründet hatte, allerdings mit dem Unterschied, dass hier bei den Propheten keine vorangegangene theoretische Leistung notwendig ist, um sie in die Lage zu versetzten, vom intellectus agens Eingebungen zu erhalten. Voraussetzung ist hier die spezifische Besonderheit der Person des Propheten und dessen langjähriges moralisches Fasten bis zu einem asketischen Verhalten. Hier versucht Avicenna durch Berufung auf verschiedene Arten bzw. Stufen von Vernunft im Menschen bei den Propheten eine Art von Vernunft vorzufinden, die fähig ist, vom intellectus agens die Wahrheit so, wie sie ist, zu empfangen. Es handelt sich dabei um intellectus in potentia gleich intellectus materialis, intellectus in habito, intellectus speculativus und intellectus acquisitus. Die letzte Stufe der Vernunft, also die höchste, ist die des Propheten. Indem Avicenna genau wie al-Farabi für die Begründung der Notwendigkeit der Gesetzgebung für das Verhalten des Individuums, für sein Verhalten als Mitglied der Familie und als Mitglied der Gesellschaft von einer entwickelten Gesellschaft

ausgeht und schließlich für die Garantie zur Richtigkeit der Gesetze den intellectus agens zu Hilfe ruft unterscheidet er, Avicenna, sich von al-Farabi insofern, als dass er:

die Glückseligkeit des Menschen nicht nur auf das Diesseitige, sondern auf das

Leben nach dem Tode bezieht

  1. dass er im Propheten eine von Gott geschaffene Fähigkeit und eine eigene moralische Leistung voraussetzt
  2. dass er nicht voraussetzt, dass der Gesetzgeber die höchste Stufe des Denkens

    erreichen muss und

  3. dass er, anders als al-Farabi, dem Philosophen eine prophetische Fähigkeit

zuschreibt

Im Anschluss an einen Hinweis über die griechischen Propheten und Philosophen nennt Avicenna die Namen von Phytagoras, Platon und Aristoteles, wobei er gemäß seiner Äußerung über die symbolische Ausdrucksweise der Propheten Phytagoras und Platon für Propheten und Aristoteles für einen Philosophen halten müsste. Von der Prophetie ausgehend kommt auch Avicenna auf diese Weise zur Gleichsetzung der Prophetie mit der Philosophie. Seiner Meinung nach haben sich die Propheten genauso über die metaphysischen Probleme geäußert wie die Philosophen. Das geschieht nur bei den Propheten in einer anderen Sprache; einer Sprache, von der jeder das versteht, soweit seine Fähigkeit ausreicht. Im Gegensatz zu al-Farabi zieht Avicenna keine politischen Konsequenzen. Er will damit weder die Stellung eines Kalifen noch eines Imams noch eines Fürsten rechtfertigen. Auf die politische Fähigkeit und Tätigkeit eines Philosophen geht er im Gegensatz zu al-Farabi gar nicht ein. Vordergründig für ihn ist die Handlung des Menschen, die durch ein gerechtes Gesetz geregelt werden muß. Ein göttliches Wesen deshalb, damit die materiellen Vor- und Nachteile der Menschen die Souveränität des Gesetzes nicht beeinträchtigen können. Damit erreicht Avicenna die philosophische Begründung eines koranischen Verse, der sich über den Sinn und die Zielsetzung der Offenbarung äußert, nämlich: "Wir haben doch unsere Gesandten mit klaren Beweisen geschickt und die Schrift und die Waage mit ihnen herabkommen lassen, damit die Menschen für Gerechtigkeit sorgen würden." (57/25).


 

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