"Islamische Mystik"

 

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen

 

Mystik ist das

Bewusstsein der e i n e n Wirklichkeit, das wie ein Strom alle religiösen Traditionen durchzieht. Mystiker aller Zeiten erhoben sich aus den Banden abgrenzender Religionsauslegung, um religiöse Inhalte und Formen zu transzendieren: Von äußerer Vielfalt gelangten sie zur inneren Einheit alles Religiösen. Deshalb war und ist auf mystischer Ebene immer ein Austausch zwischen den Anhängern verschiedener Religionen möglich und Fruchtbar. Mystik ist integraler Bestandteil des Islam, denn Religion ohne Verinnerlichung wäre leere Hülse. Dabei ist Mystik - wie alles andere - natürlich nicht vor Missbrauch geschützt. Darauf verwiesen schon im 11. Jahrhundert die Mystiker selbst: "Heute ist der Sufismus ein Name ohne Realität, während er früher eine Realität ohne Namen war" (Hujwiri, "Kashf al-mahjub", S.44). Vorgetäuschte Spiritualität und äußere Enthaltsamkeit werden auch in unserer Zeit nur allzu oft dazu benutzt, um innere Gier und Profitstreben zu verschleiern. Wird Mystik jedoch kommerzialisiert, dann ist sie keine Mystik mehr. Die islamische Mystik (arab. "Irfan", Erkenntnis, Gnosis) in einem kurzen Artikel erschöpfend zu beschreiben - ohne dabei die vielen Parallelen zu den Aussagen christlicher Mystiker aufzuzeigen -, hieße, ein Meer in ein Wasserglas schütten zu wollen. Die Wellen des schier endlosen Ozeans mystischer Erkenntnis reichen vom esoterischen Aspekt der qur'anischen Offenbarung zu den illuminativen Lehren des Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) und der Imame und spirituellen Führer über die ekstatischen Verse der frühen Liebesmystiker bis zu den theosophischen Systemen späterer Sufis und den zauberhaften Rosengärten persisch-mystischer Dichtung. Unbeschreibbare Wirklichkeit Doch das Ausmaß des Themas ist nur e i n e Schwierigkeit: "Worte bleiben an der Küste", lautet ein altes Sprichwort der Sufis: Jene Wirklichkeit, die alle Mystiker bezeugen, kann nicht durch das Studium von Büchern, sondern nur existentiell erfahren werden. Mystische Erfahrung lässt sich nicht durch den Verstand vermitteln, bloße Worte sind dafür einfach zu eng. Der berühmte "Märtyrer der mystischen Liebe" al-Hallaj vergleicht die Stufen mystischer Erkenntnis mit dem Schicksal des Schmetterlings: "Wenn der Falter das Licht der Kerze wahrnimmt erreicht er die Stufe des sicheren Wissens ("ilm al yaqin"), spürt er ihre Hitze, gelangt er zur Schau der Gewißheit ("ain al-yaqin") und wird er schließlich von der Flamme verzehrt, erreicht er "haqq al-yaqin", die absolute Gewißheit." Über dieselbe, letzendlich unbeschreibliche Grunderfahrung meint Ahmad Ghazali (gest.1126), der jüngere Bruder des berühmten Abu Hamid Ghazali, in seinen "Gedanken über die (mystische) Liebe": "Die äußerste Grenze des Wissens ist das Ufer der Liebe. Wenn das Wissen am Ufer steht, wird es von der Liebe noch gerade berichten können. Schreitet es aber weiter voran, dann ertrinkt es. Wie sollte es dann Kunde darüber geben können und wie sollte ein Ertrunkener Wissen besitzen?" Selbsterkenntnis = Gotterkenntnis Der Weg zu jener höheren Erkenntnis (ma`rifa) der Wirklichkeit verläuft in zweierlei Hinsicht: Selbsterkenntnis des Geschöpfes und Erkenntnis des Schöpfers. Ein bekannter Ausspruch des Imam Ali ibn Abu Talib, der allgemein als erste spirituelle Autorität nach dem Propheten angesehen wird, lautet: "Wer sich selbst erkannt hat, der hat auch seinen Herrn erkannt!" Selbsterkenntnis enthüllt den letzten Grund des Daseins und läßt jegliche Anhaftung an das Ego schwinden. "Denn wer sich selbst und seinen Herrn erkannt hat, der weiß mit Gewißheit, daß er kein Dasein von sich selber hat, sondern daß sein sein Dasein und die Erhaltung und Vollkommenheit seines Daseins von Gott und zu Gott und durch Gott ist", erklärt Abu Hamid Ghazali in seinem "Elixier der Glückseligkeit". Am Ende seiner mystischen Reise gelangt der "Arif" (wörtlich: Erkenner) schließlich zu "jener Wahrheit, die das Ich sterben läßt, um es für die (göttliche) Wirklichkeit zu erwecken", sagt der bekannte Führer der Baghdader Mystikerschule Junaid in Fariduddin Attars Hagiograophie (tadhkirat al-awliya 2, 35). Historische Entwicklung "Irfan" (Gnosis) ist die Erkenntnis der Absoluten Wirklichkeit und somit der Geist des Islam. Schon der Quran und die Überlieferungen des Propheten und seiner Familienangehörigen (ahl-ul-beit) und treuen Gefährten (ashab) bezeugen, daß von Anfang an eine untrennbare Verbindung von Mystik und der Islamischen Botschaft bestand. Zahlreiche frühe Schriften wie die "Nahdschul Balagha" mit den Reden, Briefen und Aussprüchen Imam Alis, die Anrufungen Imam Husseins und die Gebetssammlung seines Sohnes Imam Sajjads (sahifa al-kamilah) sind bedeutende Quellen mystischer Erkenntnis, die leider in europäischen Sprachenso gut wie keinen Niederschlag gefunden haben. In seinem zehnbändigen arabischen Werk mit dem poetischen Titel "Der Schmuck der Heiligen" (hilyatul-awliya) hat Abu Nu`aim al-Isgahani die Worte und Taten der ersten spirituellen Führer im Islam festgehalten. Sie verkündeten noch den ganzheitlichen Aspekt des Islam und schufen somit keine Trennung zwischen Innerem und Äußerem, Mystik und Gesetz. Doch schon bald wurden die Einheitsbekenner in immer stärkerem Maße von der weltlich orientierten Staatspolitik der Herrschenden Dynastien bedrängt und nahmen Zuflucht in der Mystik. Zahlreiche bedeutende Sufis traten auf, von denen nachstehende chronologische Abfolge nur eine kleine Auswahl enthält: Hasan al-Basri (gest. 728), Dhun-Nun al-Misri (gest. 859), Bayezid Bistami (gest. 874), Mansur al-Hallaj (hing. 922), Abdullah-i Ansari (gest. 1089), Abu Hamid Ghazali (gest. 1111), Shihabuddin Suhrawardi (ermord. 1191), Farududdin Attar (gest. 1220), Muhyiduddin Ibn Arabi (gest. 1240), Jalaluddin Rumi (gest. 1273), Hafiz Shirazi (gest. 1389), Abur Rahman Jami (gest. 1492) und viele andere. Sie alle sind von der Islamischen Geschichte und Literatur nicht wegzudenken. Waren die ersten Sufis noch ganz von der Liebe zu Gott verzückt, entwickelten spätere Mystiker wie Ibn Arabi umfassende Systeme gnostischer Erkenntnis, die sich rasch in der ganzen Islamischen Welt verbreiteten und bis zum heutigen Tag Quelle der Inspiration für viele Muslime sind.  Begriffsbestimmung Häufig wird für die islamische Mystik auch der Begriff ´Sufismus ` (arab. `tasawwuf `) gebraucht. In seiner "Enthüllung der Schleier" (kashf al-mahjub) hält der bekannte Mystiker des indo-pakistanischen Subkontinents Hujwiri (gest. 1071) die verschiedenen Bedeutungen des Begriffs `Sufi`fest: "Einige sagen, der Sufi werde so genannt, weil er ein wollenes Gewand (suf) trägt; andere, weil er in der ersten Reihe (saff) steht, andere wieder, weil sich die Sufis zu den Leuten der Veranda (suffa) zählten, die sich in Medina um den Propheten scharten; und wieder andere erklären, der Name sei von Reinheit (safa) abgeleitet." Allgemein wird heute die Ableitung von der arabischen Wurzel `suf `(Wolle) akzeptiert, da die frühen Sufis das grobe Wollgewand als eine Art Erkennungszeichen für ihre asketische Lebensweise trugen. `Doch`so bemerkt der Führer der Baghdader Mystikerschule Junaid, "bewirkt das Wollkleid wenig, allein das Feuer des Herzen zählt!" Das Einheitsbekenntnis Der Mensch gilt nach qur'anischer Auffassung als `Stellvertreter Gottes` auf Erden, dem der Göttliche `Geist` eingehaucht wurde. Das innerste Wesen des Menschen weiß von der Existenz Gottes, wenngleich dieses Wissen von den Verblendungen des irdischen Lebens oft getrübt und überlagert wird. Der Mensch steht deshalb ständig vor der Entscheidung: "Entweder folge ich meinen Begierden, die mich weg von Gott und mir selbst führen, oder ich verwirkliche die absoluten Eigenschaften des Schöpfers in mir in relativer Form!" Ein Mensch der den Steilpfad nach oben wählt, wird in allen Dingen die e i n e Wahrheit erkennen, die ihm "näher ist als seine Halsschlagader" (vgl. Sura 50:16). So zielen alle mystischen Praktiken auch auf die Verinnerlichung des Glaubensbekenntnisses der Einheit (tauhid), das Abu Hamid Ghazali in vier Grade unterteilt: "Erster Grad: der Mensch sagt mit seiner Zunge: `Es gibt keine Gottheit außer Gott`, während sein Herz dies ablehnt, wie wenn Heuchler die Einheit bekennen. Zweiter Grad: Sein Herz hält das Ausgesprochene für wahr, wie es alle Rechtgläubigen für wahr halten. Dritter Grad: Er sieht viele Dinge, sieht sie aber trotz ihrer Vielfalt von dem Einen ausgehen. Vierter Grad: Er sieht im Sein nur noch Einen. Er sieht das Ganze nicht, insofern es vieles, sondern insofern es Eines ist." (Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften 4,240) Der mystische Pfad Die Schritte, die zu diesem Einheitsbewusstsein führen, werden als Weg beschrieben, der sowohl die breite Straße des religiösen Gesetzes (scharia) als auch des mystischen Pfad (tariqa) umfasst: Das Gesetz wird mit einer Nussschale verglichen, deren Kern der mystische Pfad und das Öl die e i n e Wirklichkeit verkörpert. Die Schale allein ist wertlos, allein auf den Kern kommt es an, wenngleich auch dieser ohne schützende Schale verderben würde. Alle großen islamischen Mystiker befolgten die sittlichen Normen des religiösen Gesetzes in gleichem Maße, wie sie ihr Herz dem Göttlichen widmeten. Von Maulana Jalaluddin Rumi wird berichtet, daß er selbst noch in seinem ekstatischen Wirbeltanz religiöse Gutachten (fatwas) abgegeben hat. Die Mystiker aller Traditionen sind sich einig, daß die Reise zum Herrn der Macht moralische Qualitäten und innere Stufen (maqamat) voraussetzt, die der Wanderer im "Kampf mit seiner Triebseele" (jihad un-nafs) erwirbt Im Gegensatz zu diesen selbstverwirklichten Stufen der Tugendhaftigkeit handelt es sich bei den sogenannten Zuständen (halat) um göttliche Gnadengeschenke, um etwas, was sich ins Herz des Gottsuchers senkt, ohne daß er es festhalten noch zurückweisen kann. Die Grenzen der Stufen und Zustände sind nicht fest und oft austauschbar, ihre Zahl schwankt. Abu Nasr al-Sarraj erwähnt in seinem wichtigen "Kitab al-luma" sieben Stufen: "Taubah" (Reue oder Umkehr von Sünde und Gleichgültigkeit), "Wara" (Entsagung oder Überwindung der Begierden und egoistischen Neigungen), "Zuhd" (Verzicht oder nicht verhaftet sein an materiellen Dingen), "Tawakkul" (Gottvertrauen oder Konzentration auf die höchste Form des Seienden), "Faqr" (Armut oder Freiheit vom Besessenwerden durch Besitz), "Sabr" (Geduld oder Standhaftigkeit gegenüber allen Heimsuchungen), "Rida" (Zufriedenheit oder Gleichmut des Herzens und Übereinstimmung mit allen göttlichen Ratschlüssen. Liebe Mystik ist die "Wissenschaft der Liebe". Darunter wird keine sentimentale Emotionalität verstanden, sondern die selbstverwirklichte Erkenntnis des Göttlichen. In einem Hadith al-Qudsi sagt der Allerbarmer: "Mein Diener mähert sich Mir durch freiwillige Verehrung bis Ich ihn liebe. Und wenn Ich ihn liebe, bin ich das Auge, durch das er sieht, und das Ohr durch das er hört. Nähert er sich mir eine Spanne, so komme ich ihm eine Elle entgegen. Und wenn er gehend kommt, so komme ich gelaufen!" (Kitab al-luma, S.59) Wenn Gottesliebe (mahabba) das Herz des Wahrheitssuchers beherrscht, dann liebt er alle Geschöpfe Gottes, weil sie Seine Geschöpfe sind. Gottesgedenken (Dhikr), Meditation (muraqaba) und kontemplative Schau (mushahada) führen den Wandere immer näher zum Ziel. Das äußerste Ziel ist die Verbindung mit dem Geliebten, das Entwerden (fana) und Bleiben (baqa) in ihm. Der Wegschreiter erfasst, daß alles außer Gott reines Nichtsein ist. Er lässt sein eigenes Sein hinter sich liegen, damit die Wirklichkeit "Keine Gottheit außer Gott" zutage tritt. Hamburg, im Mai 1987/Ramadhan 1407 


 

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