Jesus im Qur'an

 
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen

Neben Noah, Abraham, Mose und Muhammad zählt Jesus (arabisch Isa) zu den wichtigsten prophetischen Persönlichkeiten, die im Qur'an erwähnt werden. Im Dialog zwischen Christen und Muslimen nimmt er eine Schlüsselposition ein, denn hier finden sich in beiden Religionen wesentliche Gemeinsamkeiten, aber auch die entscheidenden Unterschiede.

Von Jesu Leben und Wirken berichten uns kanonische und apokryptische Evangelien und zahlreiche andere christliche Überlieferungen. Diese werden im Qur'an - ähnlich wie bei den anderen Prophetengestalten, deren Lebensgeschichten im Alten Testament bzw. in der altarabischen Tradition überliefert wurden - als bekannt vorausgesetzt. Der Qur'an will auch nicht Geschichtsbuch sein, sondern greift diese Überlieferungen punktuell auf, um wichtige Aspekte zu erläutern und - da in diesem Falle das tatsächliche historische Leben Jesu aus den vorliegenden Quellen nicht mehr rekonstruierbar ist - Kriterien bereitzustellen, die uns ermöglichen, die vorhandenen Texte zu untersuchen und Nutzen daraus zu ziehen.

Jesu Geburt

Jesus wird im Qur'an als 'Sohn der Maria' bezeichnet. Damit soll nicht nur das Wunder seiner Geburt betont werden (vgl. Sure 19:17-55), sondern auch die wichtigste Position seiner Mutter. Maria war bereits vor ihrer Geburt Gott geweiht worden und wuchs in der Obhut von Zacharias auf - selbst ein Priester und ein Prophet seiner Zeit - den ihre enge Verbindung mit Gott und ihre besonderen geistigen Gaben oft in Erstaunen versetzten (vgl. Sure 3:36-38 und 3:43-33). Als Entgegnung auf polemische Verleumdungen wird im Qur'an deutlich hervorgehoben, daß Maria 'ihre Keuschheit wahrte' und daß Gott 'ihr von Seinem Geist einhauchte und sie und ihren Sohn zu einem Zeichen für die Menschheit machte' (Sure 21:92). In Sure 66:13 wird sie besonders als Beispiel oder Vorbild für gläubige Menschen erwähnt.

'Jesus ist vor Gott gleich Adam' (Sure 3:60), d.h. er ist ein Geschöpf Gottes und als solches aus Materie und von begrenzter Lebensdauer. Nach islamischer Vorstellung ist jedoch der Mensch darüber hinaus ein Wesen, das mit hochentwickelten Fähigkeiten ausgestattet ist, so daß er nicht nur wie andere Geschöpfe in Harmonie mit den übrigen Geschöpfen in seiner Umgebung leben kann, sondern auch in der Lage ist, gestaltend auf diese Erde einzuwirken und ihrer Entfaltung beizutragen. Dabei ist er jedoch nicht zu Eigenmächtigkeiten befugt, die letztendlich zu Disharmonie und Zerstörung führen würden, sondern er ist dem Schöpfer und Eigentümer gegenüber für dei Verwendung seiner Kräfte verantwortlich. Im Qur'an wird der Mensch dementsprechend als 'Statthalter Gottes' (siehe Sure 2:31-34) bezeichnet. Das irdische Leben ist ein Lernprozess, bei dem sich der Mensch immer wieder auf seine eigentliche Aufgabe und Würde besinnen und oft genug auch aus seinem eigenen Fehlern lernen muss. Innere Läuterung und manchmal auch Einsicht in die eigene Begrenztheit machen den Menschen empfänglich für göttliche Offenbarung und ermöglichen eine unmittelbare Verbindung mit Gott. Diesbezüglich wird von Jesus wie von Adam gesagt, daß Gott ihm 'von Seinem Geist einhauchte' (siehe Sure 15:29-30 und 2:254). Gottes Geist (arab. Ruh = Lebenshauch, der wahres menschliches Leben ermöglicht) ist Seine Ausstrahlung und Sein Offenbarungsträger an alle Seine Gesandten, der meist auch personifiziert als Engel Gabriel vorgestellt wird, aber auch sonst in der Schöpfung wirksam ist, die Gläubigen stärkt (Sure 58:23) und ihnen durch das Bewusstsein von Gottes Nähe und Barmherzigkeit inneren Frieden gibt (sakina, Sure 48:5).

Leben und Wirken

Die Aufgabe der Gesandten Gottes besteht darin, durch Lehre, menschliches Vorbild und Ermutigung den Menschen bei diesem Prozess der Entfaltung und Entwicklung zu helfen, sie immer wieder an ihr eigentliches Wesen und an ihre Verantwortung vor Gott zu erinnern, sie vor folgenschweren Irrtümern zu bewahren und ihnen die frohe Botschaft von Gottes Barmherzigkeit zu verkünden. Jesu Auftrag ist besonders in Sure 3:49-52 zusammengefasst:

"Und Er wird ihn das Buch lehren und die Weisheit und die Tora und das Evangelium und (wird ihn entsenden) als einen Gesandten zu den Kindern Israels (daß er spreche): 'Ich komme zu euch mit einem Zeichen von einem Herrn. seht, ich erschaffe für euch aus Ton die Gestalt eines Vogels und werde in sie hauchen, und sie soll ein beschwingtes Wesen mit Allahs Erlaubnis werden; und ich werde die Blinden und die   Aussätzigen heilen und die Toten lebendig machen mit Allahs Erlaubnis; und ich werde euch verkünden, was ihr essen und was ihr aufspeichern sollt in euren Häusern. Wahrlich, darin ist ein Zeichen für euch, wenn ihr gläubig seid."

Gott lehrt Jesus, und zwar die 'Schrift' (die für das individuelle und gesellschaftliche Leben gültigen Werte und Normen) ebenso wie die 'Weisheit', die hinter diesem steht. Jesus erhält Gottes Vollmacht, auf der Grundlage des Gesetzes (der Torah) den Menschen die frohe Botschaft von Gottes Barmherzigkeit (das Evangelium; arab. Injil; gemeint ist immer Jesu Verkündigung, nicht die überlieferten Berichte davon) zu verkünden. Damit soll er 'das Gesetz erfüllen'. indem er es ergänzt und mit Sinn erfüllt, nachdem es im Laufe der Geschichte mehrfach durch fremde Einflüsse überlagert, oft aber auch aus Sorge um die Wahrung der Identität des jüdischen Volkes gegenüber den Einflüssen einer Fremdherrschaft zum Selbstzweck gemacht und verkompliziert wurde (z.B. durch den 'Zaun um das Gesetz').

Im Neuen Testament kommt dieser Gedanke z.B. in Jesu Auseinandersetzung mit den Pharisäern und Schriftgelehrten zum Ausdruck, wo Jesus betont, der Mensch sei nicht um des Sabbaths willen geschaffen, sondern der Sabbath um des Menschen Willen. In der Praxis führt dies zu einer Erleichterung des Alltagslebens und zur Abschaffung selbstauferlegter ritueller Einschränkungen (vgl. Sure 3:51) mit dem Ziel, Sinn und Form wieder miteinander in Einklang zu bringen. Wie alle anderen Gesandten Gottes, so ruft auch Jesus dazu auf, Gott allein zu dienen und sich damit von fremden, imaginären Mächten zu befreien. Im Neuen Testament kommt dies sehr anschaulich durch Jesu Aussage zum Ausdruck, daß niemand "Gott und dem Mammon gleichzeitig dienen" dienen kann. Ein weiterer wichtiger Punkt in Jesu Lehre ist die Aufforderung, Gott und die Mitmenschen zu lieben - ein Gegenmittel gegen Selbstgerechtigkeit und egozentrische Haltung. Liebe zu Gott und den Mitmenschen spielt eine besonders wichtige Rolle in der islamischen Mystik und wird auch anhand von Beispielen aus dem Leben Jesu illustriert.

Gemeinsame Ansätze von Muslimen und Christen

Für Christen und Muslime könnte es hier Ansatzpunkte für gemeinsame Aufgaben geben:

  • den Sinn des menschlichen Lebens und ethische Werte in dieser so sehr vom Materialismus bestimmten Zeit wieder zur Geltung zu bringen

  • Menschen durch Erinnerung an ihren wahren Wert vor Gott und an ihre Aufgabe auf dieser Erde innerlich zu befreien und zu einer verantwortlichen Lebensführung zu befähigen.

Wie es bei allen Gesandten Gottes der Fall ist, so beschränkt sich auch Jesu Aufgabe nicht darauf, zu lehren und zu verkünden, sondern er lebt Gottes Botschaft vor. Er ist demütig und liebevoll, besonders auch seiner Mutter gegenüber. Manche seiner Handlungen werden von seinen Zeitgenossen als Wunder empfunden: Blinde werden sehend, Tote werden auferweckt usw. Bereits auf dieser materiellen, greifbaren Ebene legen diese Handlungen Zeugnis ab vom Gottes Wirken durch den auserwählten Menschen, denn Jesus tut dies alles "mit Gottes Erlaubnis". Wir würden jedoch der qur'anischen Sprache nicht gerecht, wenn wir uns beim Verständnis dieser wunderbaren Handlungen mit der sinnlich wahrnehmbaren, buchstäblichen Ebene begnügen würden, denn sie greifen weit über diese hinaus. So werden durch Jesu Leben und Wirken geistig Blinden die Augen geöffnet; "Aussätzigen" der Gesellschaft wird ihr Selbstwertgefühl wiedergegeben, so daß sie sich als eigenständige Individuen in eine lebendige Gemeinschaft integrieren können, tote Herzen werden durch göttliches Licht und neue Hoffnung zum Leben erweckt; der Hunger nach geistiger Nahrung wird durch reichhaltige und vielfältige Speise vom Himmel gestillt (Sure 5:113-116); Wesen, die sich völlig mit dieser Materie Identifizieren ("Tonvögel") werden vom Hauch seiner Botschaft ergriffen, so daß sie in der Lage sind, zu den Höhen ihrer eigentlichen Bestimmung aufzufliegen. Nicht zufällig trägt Jesus im Qur'an (4:171) den Ehrentitel "Geist Gottes" (ruhullah) und "Wort Gottes" (kalimatullah): Gott wirkt durch ihn als den Prototyp aller Menschen, die sich Ihm aufrichtig hingeben, sich Seinem Licht öffnen und sich als Sein Werkzeug verstehen.

Auch hier können wir vielleicht Anknüpfungspunkte für gemeinsame Aufgaben finden:

  • der Kurzsichtigkeit entgegenzuwirken, die in unserer Zeit nur die naheliegenden, vergänglichen Lebensziele gelten lässt

  • auf unsere Gesellschaft einzuwirken, daß Menschen nicht aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht, Religion, sozialer Stellung, nationaler oder kultureller Identität usw. diskriminiert werden

  • mehr Raum zu schaffen für geistige, seelische und ethische Weiterentwicklung, und Zugang zu geistiger Nahrung zu ermöglichen.

"Nur" ein Prophet

Jesus wird im Qur'an (vgl. Sure 3:45) oft als "Messias" (arab. masih) bezeichnet. Dies bedeutet "Gesalbter" und ist im Alten Testament auf Propheten und Könige angewendet worden, die sich besonders um das Gottesvolk verdient gemacht haben. Aus diesem Ehrentitel entwickelte sich schließlich die Erwartung des "Messias", der das Gottesvolk befreien und Frieden und Gerechtigkeit wiederherstellen sollte. Dies entsprach Jesu Auftrag, mit dem er völlig in der Tradition früherer israelitischer Propheten stand. Mit aller Entschiedenheit weist der Qur'an alle Vorwürfe der Gegner Jesu und seiner Mutter Maria zurück. Gleichzeitig warnt er jedoch davor, Jesus zu stark zu idealisieren und ins Übermenschliche zu heben. In Sure 4:157-158 wird den Juden und Christen sein angeblicher Kreuztod nicht bestätigt: "Sie haben ihn weder erschlagen noch gekreuzigt, sondern es erschien ihnen nur so.. Vielmehr hat Gott ihn zu sich in Ehre erhöht." Jesus wird vom Tod am Kreuz bewahrt, wodurch der christliche Erlösergedanke im Islam keine Rolle spielt. Jesus selbst versteht sich als unser Mitmensch; er fordert uns auf, "mit ihm gemeinsam Gott zu dienen" (vgl. Sure 3:32). Ebenso war in Sure 3:43-44 Maria aufgefordert worden: "Bete an mit den Anbetenden!" Dem entspricht auch der biblische Bericht davon, daß Jesus zu Gott betete und zum Dienst Gottes aufrief. Gesandte Gottes sind immer in erster Linie Menschen, Sie müssen Fähigkeiten, Möglichkeiten und Probleme derer verstehen können, zu denen sie gesandt worden sind, um zu ihnen "in ihrer eigenen Sprache sprechen und in Wort und Tat auf sie eingehen zu können. Ebenso müssen die Menschen in der Lage sein, ihren Propheten zu verstehen und ihm zu folgen. Wäre ein Gesandter Gottes ein übermenschliches Wesen, dann wäre keine echte Nachfolge mehr möglich.

Gott verlangt von keinem Menschen mehr als dieser zu leisten vermag (vgl. Sure 2:287). Er führt jeden Einzelnen schrittweise und den jeweiligen Fähigkeiten entsprechend auf dem Weg der Entfaltung und Vollendung voran. Es wäre eine verhängnisvolle Utopie, wenn Menschen versuchen wollten, Gott gleich zu werden. Ebenso wenig kann die Rede davon sein, daß Gott - die absolute Realität, die alles ins Dasein gebracht hat und  zu der letztendlich alles Existierende zurückkehrt, der Urgrund des Seins - "Mensch wird". Es geht vielmehr um die Menschwerdung des Menschen, um seine Erziehung über jene tierische Stufe hinaus, in die er immer wieder so gern zurückfällt, wenn dies seinem Ego lobenswert erscheint. Es geht darum, daß er tatsächlich das Ziel erreicht, das seiner Würde entspricht, nämlich "Statthalter Gottes auf Erden" zu werden. Gerade dazu braucht der Mensch menschliche Vorbilder, die das ansprechen, was in seinem Inneren bereits angelegt ist und ihm den Mut geben, dies zu verwirklichen, indem sie ihm zeigen, daß es menschenmöglich ist. Tatsächlich sind ja auch viele Menschen in Demut, Liebe und Opferbereitschaft Jesus nachgefolgt und können uns ihrerseits durch ihr Beispiel lehren und ermutigen.

Hamburg, Mai 1987/Ramadhan 1407


 

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