Einheit von Religion und Politik

 
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen

 

 

Unsere Welt von heute wird beherrscht von Strukturen wirtschaftlicher und politischer Unterdrückung, die die Privilegien einiger weniger zu Lasten der Massen festschreiben wollen. Atomares Wettrüsten, Hunger und Überfluss, Arbeitslosigkeit und Mangel an Bildung sind Ausdruck einer menschenverachtenden politik. Solange Ethische Werte nicht zurückfinden in die Politik wird es keine Hoffnung auf einen Weltfrieden geben.

Religion wird heute von vielen Menschen als Bedrohung empfunden, gerade dann, wenn sie auf politischer Ebene in Erscheinung tritt. Im Islam spielt die Politik eine entscheidende Rolle.

So gilt es im Folgenden der Frage nachzugehen, ob nicht schon Religion in ihrem Ansatz Politik beinhaltet, ja ob Politik und Religion als Einheit zu sehen ist.

Keine Gottheit außer Gott

 

Im Islam ist die Welt nu8r einer Macht unterstellt. Der Mensch sieht sich, seine Gesellschaft und seine Umwelt als Teil einer allumfassenden zielgerichteten Ordnung, die von einer Kraft durchströmt wird, die alles geschaffen hat und aufrechterhält. Die Weltanschauung der Einheit hat zwei Aspekte: einen verneinenden und einen bejahenden. Zunächst werden alle Götzen, die anstelle Gottes verehrt werden - Idole, Geld, Macht usw. - verworfen; dann folgt die Bejahung, daß alles außer Gott vergänglich und nichtig ist Niemandem soll sich der Mensch unterwerfen, keinem Zwang ausliefern und nur Gott gehorchen.

Kampf gegen Ungerechtigkeit

 

In der Geschichte hat es Bewegungen gegeben, die eine gerechte Ordnung anstrebten:

- erzieherische Bewegungen, die den Menschen aufzeigen, was gut und böse ist. Sie erschöpfen sich aber in der Beschreibung menschlicher Ideale. Wenngleich sie ein Idealbild der Gesellschaft entwerfen, sind sie letztendlich nicht in der Lage, dieses Ideal umzusetzen.

- reformistische Bewegungen, die ihre Ziele klar umreißen und sich für deren Verwirklichung einsetzen. Dabei berühren sie aber nicht die bestehenden Ordnungen. Um ihren Fortbestand sicherzustellen, gehen sie schließlich Kompromisse ein und neigen längerfristig dazu, ihre Ziele aus den Augen zu verlieren.

- revolutionäre Bewegungen, die sich dem herrschenden System mit einem klaren Programm und ideologischer Grundlage widersetzen. In ihrem Kampf gegen die ungerechten Ordnungen scheuen sie keine Opfer, ihr Ideal einer gerechten Gesellschaft zu verwirklichen.

Die Bewegungen aller Propheten sind revolutionär: zwar verfolgen sie erzieherische und reformerische Ziele, gehen aber darüber hinaus und treten ein für die Beseitigung ungerechter Strukturen: anstelle korrupter Systeme soll eine menschliche Ordnung errichtet werden.

Immer dann, wenn die Ungerechtigkeit ihr Maximum erreicht, treten die Propheten in Erscheinung. Sie öffnen den Menschen die Augen, geben ihnen ein neues Bewusstsein und befreien sie von falschen Vorstellungen. Ihr Ziel ist die Gründung einer neuen, gerechten Gesellschaft. Dafür sind sie bereit zu kämpfen:

"Und was ist mit euch, daß ihr nicht kämpft für die Sache Gottes und für die unterdrückten Männer, Frauen und Kinder, die sprechen: "Unser Herr, führe uns heraus aus dieser Stadt, deren Bewohner Unterdrücker sind, und gib uns von dir einen Beschützer, und gib uns von dir einen Helfer.""? (Qur'an 4,75)

Die größten Gegner der Propheten sind die ungerechten Herrscher gewesen. Gott schickte jedem Volk einen Propheten mit dem Auftrag, die Übertreter zu warnen:

"Wir haben für jedes Volk einen Gesandten erscheinen lassen mit der Botschaft: "Dienet Gott allein und beseitigt die Tyrannen""

(Quran 16, 36)

Die Propheten lehren nicht, sich Gott nur innerlich hinzugeben, sich nach außen aber anderen Menschen und Zwängen zu unterwerfen. Wären sie dann wirklich verfolgt worden, wenn sie nur einen inneren Weg gepredigt hätten? Hätte Nimrod den Propheten Abraham dann ins Feuer werfen lassen oder der allgewaltige Pharao Moses bekämpft? Hätten die Römer die Hinrichtung Jesu geplant und Nero die ersten Christen gemordet?

Die Propheten haben nämlich nicht nur den Weg der "Erleuchtung des Herzens" gepredigt, sie sind ebenso aktiv für die soziale Gerechtigkeit eingetreten. Sie riefen auf die Menschen zur Dienerschaft des einen Gottes und befreiten sie von den Fesseln des Falschen Gehorsams.

Politik im Qur'an

 

Es mag verwundern, wenn wir den Begriff Politik (arab. Sijasa) im Qur'an vergeblich suchen. Heißt das aber, daß der Islam nichts mit Politik zu tun hätte?

Ein Überblick über das qur'anische Begriffssystem zeigt, wie sehr hier Glaube und Politik verbunden sind. So finden wir im Quran u.a. die Begriffe: Regierung (hukm), Partei (hizb), Führer (Imam), Gemeinschaft (ummah), Autoritäten (ulul-amr), Verantwortung (mas`ulah), Recht (haq), Pflicht (taklif) usw.

Politik wird im Islam als sinnvolle Regelung der Angelegenheiten der Gemeinschaft verstanden: die Angelegenheiten des Individuums, seine Beziehung zu anderen Menschen, das Verhältnis zwischen Volk und Regierung und zwischen der islamischen und anderen Gesellschaften sollen im Geiste des Glaubens geregelt werden. Die Prinzipien des Glaubens können ohne Politische Ordnung überhaupt nicht verwirklicht werden. Der Qur'an betont die Bedeutung von Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden, ebenso wie die Einhaltung der Menschenrechte, den Kampf gegen Unterdrückung, die Beseitigung sozialer Missstände und den Widerstand gegen jegliche Form der Ausbeutung. Gäbe es keine Politische Ordnung, könnten alle diese Ziele nicht realisiert werden.

Selbst Rituelle Gebote wie das Gebet, das Fasten, die Pilgerfahrt beinhalten gleichermaßen eine gesellschaftspolitische Aussage.

Wie anders ist z.B. der Gebetsruf "Allahu Akbar" - "Gott ist größer!" (d.h. nur Gott gebührt Ergebenheit) zu verstehen, wenn nicht im Sinne des Aufrufs zu einer gerechten Ordnung?

Wie soll die Erfahrung mit dem Hunger im Fastenmonat Ramadhan umgesetzt werden, die Hungernden in der Welt von ihrem Leid zu erlösen, wenn nicht über eine gerechte Politische Ordnung?

Das Ziel des Islam ist die Vervollkommnung des Menschen. Diese Hinführung zu Gott kann aber nur in einem gesellschaftlichen Rahmen stattfinden, der die Ausübung der "Hingabe an den einen Gott" ermöglicht. Die Gesellschaftsordnung soll mit den natürlichen Anlagen des Menschen in Einklang stehen.

Politik wird hier nicht im Sinne eines machtpolitischen Taktierens oder der Anwendung von Gewalt verstanden. Politik soll die Verwirklichung des göttlichen Gesetzes garantieren und Harmonie unter den Menschen schaffen.

Islamischer Staat

 

Der islamische Staat ist aufgebaut auf der absoluten Gleichheit und Verantwortung aller Mitglieder der Gemeinschaft. Die gesellschaftlichen Angelegenheiten sollen miteinander beraten werden. Selbst der Prophet Muhammad (s.) hat bei vielen Entscheidungen seine Gefährten zu Rate gezogen. Keiner hat das Recht, sich irgendwelche Privilegien zuzulegen, von der Besoldung durch die Staatskasse angefangen bis hin zur gesellschaftlichen Rangordnung. Leistung wird als Erfüllung einer Pflicht gegenüber Gott und den Menschen angesehen. Weder Abstammung, Rang, Position, Geschlecht usw. dürfen zu einem Wertunterschied zwischen den Menschen führen. Jeder Muslim ist für den Islam und die "Ummah", die Gemeinschaft der Gläubigen, verantwortlich .Ein Ausspruch Muhammads (s.) erläutert dies: "Jeder von euch ist der Schützer der anderen, und jeder von euch ist für seinen Schützling verantwortlich!"

Das höchste Staatsamt sollte derjenige innehaben, der als aufrichtiges Individuum in der Lage ist, die größte Verantwortung gegenüber Gott und der Gemeinschaft zu übernehmen. Ein solches Amt - als religiöse Pflicht verstanden und von der Gemeinschaft getragenen - kann weder theokratisch noch diktatorisch sein. Es soll gewährleisten, daß die durch Offenbarung erhaltenen göttlichen Gesetze verwirklicht werden.

Somit wird die Politische Ordnung von einer übergeordneten Wahrheit geprägt. Es handelt sich nicht um eine Ordnung, die die "Wahrheit" formuliert, wie sie sie versteht.

Die eigentliche Herrschaft über die Welt wird von ihrem Schöpfer und Erhalter ausgeübt. Die Menschen tragen die Verantwortung, mit der Welt im Sinne ihres Schöpfers umzugehen. Sie sind Teil einer allumfassenden Ordnung, in der Religion - jener Weg zu Gott und zur Vervollkommnung des Menschen - und Politik - die harmonisierende Regelung der gesellschaftlichen Angelegenheiten - eine untrennbare Einheit bilden.

Nur wenn die Religion Gottes wieder Einzug in die Politik findet, werden die Menschen gemeinsam die immer bedrohliche Weltsituation meistern können. Heute gibt es noch keine ideale islamische Ordnung. Doch wird eine solche von allen aufrichtigen Muslimen überall in der Welt angestrebt. Dafür sind sie bereit, Opfer auf sich zu nehmen.

 


 

کلیه حقوق این سایت متعلق است به مرکز اسلامی وفرهنگی اهل بیت علیهم السلام