Eine Gedicht von Hafiz

 

 

Vorwort

 

Zu Beginn sei auf zwei wichtige Punkte hingewiesen:

 

  1. Hafeze Schirazi, der unter den islamischen Mystikern als die „Zunge des Verborgenen“ bekannt war, befasste sich in seinen Gedichten wie kaum ein anderer mit mystischen und philosophischen Gedanken. Seine Gedichte sind als die wertvollsten mystischen Texte der persischen Sprache anzusehen.
    Hafez wurde in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts nach der Hidschra (das entspricht dem 14. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung) in Schiraz geboren. Dort studierte er und wanderte auf dem mystischen Pfad. In Schiraz starb er im Jahr 791 nach der Hidschra (entspricht 1389).
    Das Besondere an der Dichtung von Hafis ist darin zu sehen, dass er einen neuen literarischen Stil schuf, der Mystik und Liebe miteinander verwob in einer Form, die zuvor nicht existierte.
    Das mystische und philosophische Gedankengut selbst, das Hafis in seinen Gedichten zum Ausdruck brachte, war nicht immer neu. Unerreicht ist die stilistische Umsetzung der Emotionen aus den tiefsten Tiefen seiner Seele.
    Die reichen Gedichte des Hafis nehmen eine einzigartige Stellung in der persischen und mystischen Lyrik überhaupt ein und verzaubern ihre Leser immer aufs Neue.

  2. Jede wissenschaftliche Disziplin hat ihre eigene Begriffswelt. Die Juristen verwenden ihre Fachbegriffe, die Philosophen haben ihr Vokabular und in der Mystik verhält es sich nicht anders.
    Diese Konventionen sind für die jeweilige Wissenschaft elementar, damit sich die Fachleute unmissverständlich austauschen können.
    In der mystischen Literatur finden sich zahlreiche solcher Begriffe, die bei den Mystikern eine spezifische Bedeutung aufweisen. Kennt ein Leser diese Konventionen nicht, wird er die Bedeutung des Textes nicht erfassen. Er läuft sogar Gefahr, die Texte in einer völlig verkehrten Richtung zu interpretieren.
    Typische Beispiele sind die Worte Wein und Trunkenheit, die sich in Hafis’ Lyrik häufig finden.
    Wir wissen alle, dass Alkohol im Islam strikt verboten ist und Trunkenheit als Sünde gilt. Hafis ist als ein sehr gläubiger Mensch bekannt. Sein Name bedeutet Hüter oder Bewahrer (jemand, der den Koran auswendig gelernt hat).
    Als kleiner Exkurs sei angemerkt, dass Goethe in seinem West-östlichen Divan mit Hafez bezüglich seines Beinamens in einen Dialog tritt:
    “Mohamad Schemseddin sage, warum hat dein Volk, das hehre Hafez dich genannt?“
    Hafez erwidert:
    Ich ehre, ich erwidre deine Frage. Weil, in glücklichem Gedächtnis des Korans geweiht Vermächtnis unverändert ich verwahre und damit so fromm gebare, dass gemeinen Tages Schlechtnis weder mich noch die berühret, Die Propheten-wort und –Samen Schätzen, wie es sich gebühret: Darum gab man mir den Namen!
    Von einem Mystiker, der nach dem Urteil der größten Dichter und Philosophen die schönsten islamischen Gedichte geschrieben hat, ist also nicht zu erwarten, dass er von Alkohol und Trunkenheit im wörtlichen Sinne gesprochen hat.
    Vielmehr entsprangen seine Gedichte einem tiefen Glauben und einer überaus großen Gotteserkenntnis und Ehrfurcht vor Gott. Wenn wir Hafiez Gedichte interpretieren, müssen wir also unbedingt die Begriffe im mystischen Kontext verstehen. Dabei entdecken wir, dass in der Sprache der Mystiker „Wein“ die reine Liebe symbolisiert und „Trunkenheit“ den Trance-Zustand des Liebenden auf der Suche nach dem Geliebten (also Gott) beschreibt.

 

Lesung

 

Saghi, schenk ein den Wein

 

Saghi, schenk ein den Wein und lass den Becher kreisen!

Im Anfang schien die Liebe leicht, die dann zum Rätsel ward.

 

Wann bringt der Wind den Moschushauch von deinem Haar?

Von deinen Locken wurden alle Herzen Wund.

 

Wie fänd ich Frieden doch in deinem Haus,

da ruft die Karawanenglocke schon zum Weiterzug!

 

Färb den Gebetsteppich mit Wein, wie es der Weise sagt,

dann wirst du, Pilger auch vom Sinn des Weges dein  Teil erfahren.

 

Was wissen denn die Leichtbebürdeten am Strand von uns,

die Nacht und Wogensturm umgibt...

 

Durch meinen Eigensinn erwarb ich mir den schlechten Namen.

Wie kann Geheimnis auch verborgen bleiben, das bei Zusammenkünften verhandelt wird!

 

Hafis, erhalt dir des Geliebten Gegenwart,

entsage dieser Welt, wenn du gefunden, den du liebst!

Interpretation

 

Saghi, schenk ein den Wein und lass den Becher kreisen!

Im Anfang schien die Liebe leicht, die dann zum Rätsel ward.

 

Oh Schenke, laß den Becher jedem einzelnen in der Runde zukommen, bis er zuletzt bei mir ankommt. Denn solange nicht jeder einzelne der Anwesenden mitgetrunken hat, wird die Trinkgemeinschaft ihre Harmonie nicht finden.
Oh Schenke gib mir Wein, denn die Leidenschaft zum Geliebten schien zunächst ein leichtes Spiel, doch sehr bald schwand die Leichtigkeit dahin.
Bei diesen Worten bezieht sich Hafis auf einen Koranvers, in dem Allah den Menschen die Frage stellt: „Bin ich denn nicht Euer Herr?“ und die Menschen die Frage durch ihre Fitra immer spontan mit „ja“ beantworteten.
Hafis sagt, dass ihm die erste Leidenschaft , die einer reinen Liebe entsprang, am Anfang sehr leicht fiel. Doch nun, da er über beide Ohren verliebt ist, bereitet ihm diese Leidenschaft sehr viele Schwierigkeiten. Er bekennt seine Abhängigkeit und sagt: Wenn ich nicht regelmäßig diesen Wein, d.h. diese reine Liebe trinke, werde ich diesen Zustand nur sehr schwer ertragen können.
Die Trennung vom Geliebten versetzt den Liebenden in einen Zustand innerer Unruhe. Dieser Zustand wird gelindert, wenn der Liebende eine Zuwendung des Geliebten erfährt.

 

Einem Liebenden, dessen Liebe aufrichtig ist, sind alle Gegensätze einerlei, ob Nähe oder Entfernung, ob frohe Botschaft oder Bedrohung, ob er wohl angesehen ist oder erniedrigt wird, ob er Trauer oder Freude erfährt, ob Lachen oder Weinen. All diese Zustände sind ihm gleichgültig, da er in seinem Geliebten den Ursprung aller Dinge sieht und nur bei ihm seine Ruhe finden kann.

 

In jedem Fall drückt der verliebte Hafis folgendes aus: O Geliebter, aufgrund Deiner Schönheit befinden sich nicht nur Deine Liebenden, sondern die ganze Welt in einem Zustand der Trunkenheit. Doch bitte ich Dich hiermit, dieser kleinen Schar von Menschen, die Dich so leidenschaftlich liebt, eine höhere Aufmerksamkeit zu widmen und erlaube ihr Deine Schönheit zu betrachten, damit ihre Leiden gelindert werden.
Deine Liebe schien am Anfang leicht, da die späteren Schwierigkeiten den Liebenden zunächst verborgen blieben. Diese Menschen, die zu Dir wandern sind auf Deine Zeichen angewiesen, damit ihnen das Erklimmen der einzelnen Stufen nicht zu schwer erscheint.

 

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Hafis für sich und die anderen Wanderer auf dem mystischen Pfad um Ausdauer und Beständigkeit bei der Hingabe zum Geliebten bittet.

 

Wann bringt der Wind den Moschushauch von deinem Haar?

Von deinen Locken wurden alle Herzen Wund.

 

Hafez verwendet in diesem Vers den Begriff „saba“. Damit bezeichnet man jenen Wind, der den Sonnenaufgang begleitet und zwar während der Jahreszeiten, in denen Tag und Nacht gleich lang sind. Die Dichter und Mystiker beschreiben mit diesem Begriff den Wind, der von der Gasse des Geliebten kommt.

Er spricht weiterhin von den lockigen und gewellten Haaren des Geliebten, die wie die Glieder einer Kette aussehen. Diese Locken und Wellen symbolisieren nach seiner Auffassung die Hindernisse, die eine direkte Sicht auf den Geliebten unmöglich machen.
Der schöne Duft, der von den Locken des Geliebten ausgeht, füllt das Herz mit Blut. Das lange Warten auf den Geliebten lässt die Herzen höher schlagen. Der frische Wind, der die welligen und lockigen Haare des Geliebten streichelt, erreicht die Wandernden und verwirrt und erregt ihre Seelen.

 

Damit beschreibt Hafis das Warten des Wandernden auf die schönen Manifestationen des Geliebten. Er hofft, dass die Schleier, die den freien Blick zur Schönheit des Geliebten behindern gelüftet werden. Diese Schleier sind das Ergebnis der Sünden und Verfehlungen des Wandernden. Sie werden durch die Läuterung des Herzens beseitigt.

 

Es ist, als würde Hafis sagen: O Herr verschließe nicht die Tore Deiner Barmherzigkeit vor denen, die Deine Einheit bezeugen und verweigere nicht den Anblick Deiner Schönheit denen, die mit Sehnsucht nach Dir streben. O Herr, diese Seele, die durch die Bezeugung deiner Einheit erhaben wurde, warum erniedrigst Du sie durch die lange Trennung von Dir?

 

Färb den Gebetsteppich mit Wein, wie es der Weise sagt,

dann wirst du, Pilger auch vom Sinn des Weges dein  Teil erfahren.

 

Wenn der Meister dich auffordert, den Gebetsteppich mit Wein zu färben, so gehorche ihm und führe seine Anweisungen aus, denn er ist diesen Weg bereits gegangen und kennt die Gepflogenheiten der Wandernden. Seine Aufgabe besteht darin, möglichst viele Wanderer zu ihrem Ziel zu führen.

 

Der Gebetsteppich dient dem Gottesdienst. Die Aufforderung, diesen mit Wein zu färben, ist eine Aufforderung, den Gottesdienst aufrichtig und mit einem reinen Herzen und viel Liebe und Sehnsucht nach dem Geliebten zu verrichten.

 

Wenn der Meister dich während der Wanderung auffordert, deine religiösen Handlungen in einer schmuckvollen Form zu verrichten und mit voller Hingabe zum Geliebten hinaufzuschauen, so folge ihm, denn er ist mit diesem Weg sehr vertraut und kennt die Höhen und die Tiefen der einzelnen Stufen. Vor allem kennt er den kürzesten Weg, der zum Ziel führt.

 

Selig ist, wer auf den sicheren Pfaden wandelt, die ihm sein Meister aufgezeigt hat, der seinem Meister gehorcht, denn mit einer guten Rechtleitung lassen sich viele Irrwege vermeiden.

 

Was wissen denn die Leichtbebürdeten am Strand von uns,

die Nacht und Wogensturm umgibt...

 

Hafez geht auf die Ängste und Unsicherheiten der Wandernden ein. Sie spüren die Gefahren des Weges. Die Nacht scheint ihnen sehr finster, die Gewässer voller gefährlicher Strömungen. Es bedrückt sie, dass diejenigen, die bereits am rettenden Ufer angekommen sind, sie und ihre Ängste nicht mehr wahrnehmen können.

 

Die finstere Nacht und die gefährlichen Gewässer symbolisieren das Diesseits. In einer Überlieferung von Imam Ali (a.s.) heißt es: „Das Diesseits ist ein Meer, in dem viele untergegangen sind“.

 

Diejenigen, die den Weg gemeistert haben, den Gefahren entkommen konnten und schließlich sicher bei ihrem Geliebten angekommen sind, haben Frieden und Ruhe bei Ihm gefunden. Wie sollten sie dann noch unser Leiden wahrnehmen, solange wir uns in der Welt der Trennung aufhalten und sie sich bereits mit dem Geliebten vereinigt haben?

 

Wie fänd ich Frieden doch in deinem Haus,

da ruft die Karawanenglocke schon zum Weiterzug!

 

Im Haus des Geliebten finde ich keine Ruhe und keinen Frieden, da ich ständig mit der Aufforderung zum Weiterzug rechnen muss, damit sich die Ankunft beim Geliebten nicht verzögert.

 

Mit dem Haus des Geliebten sind die Orte gemeint, an denen die Nähe zu Gott erreicht werden kann. Nach einer Überlieferung des Propheten Mohammad (s.a.s.) ist es das Diesseits, denn er sagte: „Das Diesseits ist der Acker des Jenseits.“

 

Hafez weist mit diesem Vers auf einen wichtigen Punkt hin. Auf der einen Seite wünscht er sich nichts mehr als von der Schönheit des Geliebten verführt zu werden, seinen Schutz zu genießen und seine Ruhe bei ihm zu finden. Doch zugleich beklagt er, dass im Diesseits vieles die Chancen einer Annäherung beschränken kann und dass die Betrachtung der Schönheit des Geliebten nicht immer möglich ist. Was ihn jedoch am meisten beunruhigt, ist die Sorge, die Chancen, die jederzeit beendet werden können nicht gut zu nutzen.

 

Durch meinen Eigensinn erwarb ich mir den schlechten Namen.

Wie kann Geheimnis auch verborgen bleiben, das bei Zusammenkünften verhandelt wird!

 

Alles was ich getan habe, habe ich für mich getan. Ich gab mich meinem Selbst hin und blieb meinem Geliebten fern. Damit habe ich mir meinen schlechten Ruf verdient und bin für mein skandalöses Verhalten bekannt geworden. Wie sollten denn auch meine Schwächen verborgen bleiben, wenn sie schon in aller Munde sind.

 

Hafez macht damit deutlich, dass nur eine vollkommene Hingabe zum Geliebten zum Ziel führen kann. Alle persönlichen Wünsche müssen in den Hintergrund treten. Fazit: ich darf nur noch Ihn sehen und mich nur noch Ihm hingeben.

 

Hafez, erhalt dir des Geliebten Gegenwart,

entsage dieser Welt, wenn du gefunden, den du liebst!

 

Wenn du Ruhe und Frieden bei Ihm suchst, so vergiss Ihn nie. Entsage dieser Welt bis du bei Ihm angekommen bist. Gib alles aus, um Ihm zu dienen.

 

Vermeide alles, was Dich von Ihm ablenkt. Vermeide den Hang zum Diesseits, wenn du dich Ihm hingeben willst.

 

Wenn du Seine Nähe suchst und den Anblick Seiner Schönheit anstrebst, so sei wachsam und gedenke Seiner ohne Unterlass. Prophet Mohammad (s.a.s.) sagte zu Abu Dharr: „Bewahre Gott und er wird dich immer bewahren, bewahre Gott und Du wirst Ihn immer vor dir finden.“

 

Wenn du nach Seinem Anblick strebst, entsage der Welt und besiege den Hang zum Diesseits. Wenn du dein Herz erfolgreich läuterst, dann wirst du den Nektar der Liebe kosten.

 

Von Mahmood Khalilzadeh

Überzetzung Mohammad Saleh

 

 

 

 


 

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