Den Islam

Der Mensch In Unsere Zeit

Geht man von den Mitteln aus, die der heutigen Mensch­heit zur Verfügung stehen, so befindet sich der Mensch in unserem Zeitalter auf einem großartigen Entwicklungsstand.

Zahllose Entdeckungen und Erfindungen haben ihm Möglichkeiten eröffnet, die bisher nur wie Märchen anmuteten.

Mit Hilfe elektrischer und elektronischer Anlagen wurde Unmögliches möglich. Dem Menschen von heute werden oft schon durch einen bloßen Knopfdruck die verschiedensten Dinge zur Verfügung gestellt, z.B. Wasser, Luft, Wärme, Kälte, Nahrung, Kleidung und was er noch alles gerne haben möchte.

Radiowellen übertragen die menschliche Stimme in Sekundenschnelle bis an die entlegensten Orte der Erde, und nicht nur seine Stimme, auch sein Abbild ist übertragbar geworden.

Der Mensch ist heute Herr über riesige Flugzeuge, mit denen er mühelos in Blitzesschnelle von einem Punkt der Erde zum anderen fliegen kann. Leichter, müheloser und schneller als der Vogel Simogh, von dem in Märchen zu hören ist.

Raumfahrer haben fremde Planeten betreten. Von der Reise zum Mond oder zu einem anderen Himmelskörper redet man heute fast schon so selbstverständlich, als handle es sich um eine Fahrt von einer Stadt zur anderen.

Die Zahl der technischen Neuheiten und wissenschaftli­chen Entdeckungen unseres Zeitalters hat derart zugenom­men, dass es schwierig wäre, alle aufzuzählen.

Überhaupt scheint Mutter Natur der Geduldsfaden gerissen zu sein, und sie mag die Tausende von Jahren ver­schwiegenen Geheimnisse nicht weiter für sich behalten, hat jäh den Entschluss gefasst, ihr Schweigen zu brechen und die Lösung ihrer zahllosen Rätsel, so schnell es nur geht, der heutigen Menschheit auszuplaudern.

Inzwischen konnte der Mensch zahlreiche Mysterien der Natur aufdecken.

Mit Hilfe einer wirklich faszinierenden Technik ist es ihm zum Teil gelungen, der Naturkräfte Herr zu werden und aus ihnen Nutzen zu ziehen.

Dank all dieser Anstrengungen konnte der Mensch den Gipfel materiellen Wohlstandes erklimmen, konnte die Welt­kugel zu einem prunkvollen Palast herrichten, einem Palast, in dem er hoffte, glücklich und bequem zu wohnen und zu dem schon immer ersehnten guten Leben zu gelangen.

Habsüchtige Zweibeiner

Bisher wurde nur über eine Seite der Medaille gespro­chen, bekanntlich hat aber jede Medaille zwei Seiten.

Die technische Zivilisation hat zahlreiche Schwierigkei­ten des menschlichen Daseins gelöst. Sie hat der Menschheit erstaunliche Kräfte im Kampf mit der Natur verliehen. Dies sind wahrhaftig wertvolle Fortschritte.

Parallel zu dieser Entwicklung hat man aber das Wohl­standswachstum derart gepriesen und großgeschrieben, ja sogar ganze Philosophien darüber zusammengebastelt, dass der Mensch einer Wandlung unterzogen und zu einem fast animalischen Wesen erniedrigt wurde, dessen Tun und Den­ken sich hauptsächlich auf Produktion und Konsum und deren Steigerung konzentrieren.

Sei es nun zur Sicherung eines Existenzminimums oder zur Finanzierung eines bequemen und luxuriösen Lebens und immer aufwendigerer Freizeitgestaltung: das Streben nach materiellen Gütern und die Neigung, das meiste oder alles nur aus wirtschaftlicher sicht zu betrachten, ist im heutigen Menschen so stark verwurzelt, dass er wirklich zu einer Art Produktions -Konsum- Maschine wurde.

Wie eine Epidemie hat diese Erscheinung inzwischen um sich gegriffen, und die Mehrzahl der Menschen führt heute ein Leben, in dem es außer materiellen Werten kaum andere und wertvollere Inhalte gibt.

Einst trachtete der Mensch nach Freiheit und Unabhän­gigkeit, opferte sogar sein Leben dafür. Mittlerweile hat er jedoch seine Freiheitsliebe dem großen Götzen unserer Zeit, der Wirtschaft, opfernd zu Füssen gelegt und ist ihr Sklave geworden.

Die fortschreitende, vornehmlich materiell ausgerichtete Zivilisation ließ menschliche Konsumwünsche ständig wachsen und erforderte immer aufwendigere Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse. Viele haben auf diesem Weg ihre Gesundheit einbüssen müssen oder waren gar gezwun­gen, moralische Grundsätze aufzuopfern.

In einer fast ausschließlich materiellen Gesellschaft wie die heutigen werden hohe menschliche Werte mehr oder weniger in den Hintergrund gedrängt. Der Wert der Dinge, sogar der Wert ethisch- moralischer Grundsätze, wird viel­mehr an ihrem materiellen Nutzen gemessen.

Was in den meisten Ländern dem Erziehungs- und Aus­bildungswesen zugrundeliegt, sind eben diese materiellen und wirtschaftlichen Prinzipien. Das Hauptanliegen besteht dabei darin, die jungen Menschen so zu formen, dass der Ertrag, der einst ihre eigenen oder die Taschen anderer füllen wird, steigt.

“Alles für eine gesunde Wirtschaft und ihre Annehm­lichkeiten” lautet die Devise, die so gut wie alle Gemüter beherrscht, von dem einfachen Arbeiter bis zu der sogenann­ten Elite, vom Fachmann bis zum Professor, Politiker, Schriftsteller, Denker und Künstler.

Sogar unter denen, die sich mit erhabenen Problemen des Immateriellen befassen, blieben viele nicht unverschont vom Einfluss materieller und wirtschaftlicher Reize: je prunkvoller z.B. heute religiöse Öffentlichkeitsarbeiten und Schriftwerke ausgeschmückt werden, desto höher steigt ihre finanzielle oder materielle Honorierung.

Diese Situation ist jedoch die natürliche Folge der ver­schiedenen, materiell ausgerichteten Weltanschauungen unserer Zeit.

Unaufhörlich wird den Menschen eingeflösst, sie seien nur zweibeinige Wesen, die einem wirtschaftlichen Zweck zu dienen haben. Eine nicht abreißende Werbung lässt den wirtschaftlichen Wohlstand und die Steigerung materieller Annehmlichkeiten ständig hochleben, nennt sie alleinige Maßstäbe für menschliches Glück und einziges Zeichen für den Fortschritt eines Volkes oder einer Gesellschaftsgruppe oder einer Schicht. Immerzu wird den Menschen Geld vor Augen gehalten, ihm ständig vom Geld in die Ohren posaunt: vom knappen Geld, vom Wunder Geld, vom Problemloser Geld, von Zentnern von Geld, von dem ganz großen Geld, zu dem man durch einen Glückstreffer oder durch direkte oder indirekte Ausbeutung der Mitmenschen gelangt, Geld, das man dann später wieder zur Befriedigung zum Teil nieder­trächtigster animalischer Wünsche ausgibt. Da ist es kein Wunder, dass viele Menschen unserer Zeit, oder sagen wir besser “Scheinmenschen”, auf die Stufe habsüchtiger Kreatu­ren herabgesunken sind, die von morgens bis abends versu­chen, zu Geld zu kommen, gleichgültig wie, rücksichts- und schonungslos. Ständig brauchen sie mehr Geld für immer neue Vergnügungssüchte. Deshalb ist der Mensch wirklich zum Sklaven von Produktion und Konsum geworden. Wirt­schaftliche Maßstäbe bestimmen sein Dasein, an anderen höheren und menschenwürdigeren Werten fehlt es ihm oft, und sein Leben neigt zu Primitivität und Sinnlosigkeit.

Auf der Suche nach Lebensziel und Lebenssinn

Zum großen Glück besteht jedoch Hoffnung auf eine Veränderung, denn auch andere, neue Stimmen werden hier und dort in der Konsumgesellschaft laut. Das könnte die Morgendämmerung der Erlösung und Befreiung der Menschheit aus den Ketten und der Sklaverei von Produk­tion und Konsum bedeuten.

Die Tatsache, dass hauptsächlich die Jugend protestiert, ist hierbei besonders erfreulich und viel versprechend.

Seit längerem schon geben nämlich junge Menschen überall auf der Welt in Wort und Tat ihren Protest kund. Sie verkünden, das Leben in diesem luxuriösen, prunkvollen Palast, sprich Wohlstandsgesellschaft, fänden sie sinnlos, ohne Nutzen und erniedrigend:

Wer von den Bewohnern Eures protzigen Vergnü­gungsschlosses ist überhaupt glücklich?

Auf welches sichere Ufer steuert Euer vollgepfropfter Luxusdampfer zu?

Inwieweit kümmert sich Eure großartige Zivilisation um Ansehen und Wert des Menschen selbst?

Ist die so mannigfaltige Technik dem Menschen untertä­nig oder sind wir Menschen es, deren Denken und Handeln ausschließlich der Herstellung und dem Funktionieren die­ser Technik zu dienen hat?

Eure technische Zivilisation ist zwar imposant. Sie hat Entfernungen zwischen Städten, Kontinenten und Planeten verkürzt, hat die große Welt in einen kleinen Bezirk, in ein kleines Haus verwandelt. Aber hat sie auch die Bewohner dieses Hauses einander nähergebracht? Hat sie die Herzen einander näherkommen lassen? Oder hat sie in Wirklichkeit nur die Orte näher aneinandergerückt, die Herzen aber nur noch weiter voneinander entfernt? Schlimmer noch: Haben sich die Menschen nicht mit Leib und Seele lukullischen oder geschlechtlichen Genüssen, dem Erstreber verschiedenartiger Positionen und ähnlichen Begierden verschrieben?

Wie kann da noch die Rede sein von Herzen, die einander fern oder nah sind?

Natürlich sind diese und ähnliche Protestrufe haupt­sächlich in Ländern zu hören, deren Menschen im Wohlstand leben und sich nicht um ihre Existenz zu ängstigen brauchen.

Dagegen wissen die überall auf der Welt im Elend dahin­siechenden Völker oftmals noch nicht einmal, was es heißt, satt zu sein, weder die Männer, noch ihre Frauen und Kinder, noch ihre Nachbarn und ihre anderen Leidensgenossen.

Zwangsläufig kreisen daher auch ihre Gedanken um Veränderungen, ob friedlich oder gewaltsam herbeigeführt, die vor allem ihrer materiellen Armut und ihrer wirtschaftli­chen Not ein Ende setzen.

Geht es den armen Nationen aber erst einmal gut, wird ihnen wohl ein ähnliches Schicksal widerfahren wie den rei­chen Völkern von heute (Anm. des Übers.). Die Bestrebun­gen der entbehrenden Länder sollte man daher in weiser Voraussicht von vorneherein in die richtigen Bahnen lenken, um sie vor diesem Geschick zu verschonen.

Zweifellos sind in den beiden großen politischen Lagern, Ost und West, viele zu sich gekommen. Befreit von der Zwangsidee des Wirtschaftswunders und Wohlstands­wachstums wurde ihnen dabei einiges klar:

Seit Jahrhunderten ist der Mensch bemüht, sich immer besser fürs Leben auszurüsten. Statt eines besseren Lebens wird er jedoch heute in riesigen Fabriktempeln erbarmungs­los dem Götzen Technik zu Füssen geworfen.

In beiden Systemen hat man den Menschen mancher Privilegien des Menschseins beraubt, unter dem Vorwand, dies sei in der heutigen Ordnung zur Inganghaltung des kom­plizierten Räderwerkes von Wirtschaft und Industrie erforderlich.

Dem Menschen von heute genügt es aber nicht mehr, von Wissenschaft und Industrie bloß zu hören, wie man leben soll, sondern hartnäckig besteht er darauf zu erfahren, wozu er lebt.

Viele Menschen kommen zu sich. Sie melden sich mit nicht zu überhörendem unzufriedenem Raunen oder auch lautem Protestschrei zu Wort. Dies könnte, allen pessimisti­schen Prophezeiungen zum Trotz, der Vortrupp erster Anzei­chen einer glücklichen und segensreichen Bewusstwerdung der Menschheit sein, könnte ihr Anstoß zu nachhaltigen Veränderungen geben und die Renaissance der humanen Gesellschaft herbeiführen. Auch besteht die Hoffnung, dass keiner sich mehr täuschen lassen wird, und dass niemand wie bisher, die Entwicklung der Technik für die Entwicklung des Menschen hält. Die Menschen könnten, einmal zu tieferer Erkenntnis gelangt, das wahre und humane Ziel ihrer fort­schreitenden Evolution wiederfinden und sich fest entschlos­sen in der Richtung vorwärtsbewegen, die ihrer Würde entspricht, und sie zu Glück und einem frohen Ergebnis hinführt.

Welche Stellungnahme vertritt der Koran zu diesem Thema?

So prachtvoll, schön und vergnügungsreich das hiesige Leben auch sein kann, wem es an einem dauerhaften Ziel, an Glauben und geistigen Werten fehlt, dessen Dasein ist nach Ansicht des Korans leer und sinnlos.

Wer einem vergnügungsreichen, aber ziellosen Leben nacheilt, wird letzten Endes nur Schaden haben. Seine Anstrengungen auf Erden werden vergeblich und ohne Ergebnis sein.

In Sure AI Hadid, Vers 20 heißt es daher auch:

“Wisset, dass das Leben in dieser Welt nur ein Spiel und ein Tand ist und ein Gepränge und Geprahle unter euch, und ein wettrennen um Mehrung an Gut und Kindern. Es gleicht dem Regen (der Pflanzen hervorbringt) deren Wachstum den Bauern erfreut. Dann verdorren sie, und du siehst sie vergilben, dann zerbröckeln sie im Staub.”

An anderer Stelle (Sure An-Nur Vers 35-40) spricht der Koran abermals vom Schicksal zielloser Menschen zu uns, nachdem er anfangs das Ziel bestimmt und den Zielstrebigen Belohnung verspricht.

Gott ist das Licht von Himmel und Erde, so heißt es in diesen Koranversen. Wahrer Kern der Welten ist. Er gibt allem seine Bedeutung. Er ist Wegbereiter, zeigt die Rich­tung, ist das Endziel allen Seins. Das Ziel ist Gott.

Beruf, Geld und Kaufgeschäft können den ehrsamen Menschen laut Koran nicht davon abhalten, Gott zu geden­ken. Gott ist Hauptziel in seinem Leben. Seine Bemühungen sind ertragreich und werden reich belohnt.

Je mehr er sich Mühe gibt, desto mehr wird er an Weis­heit und Reinheit gewinnen und sich der Vervollkommnung nähern.

Denjenigen, die aber ohne festes Ziel, Gott verneinend oder ohne echten Glauben an Ihn, einfach dahinleben, droht ein schlimmes Schicksal, denn alle ihre Taten werden nutzlos sein.

So heißt es in Sure An Nur weiterhin:

“Die Handlungen der Ungläubigen sind wie Luftspiege­lungen in einer Ebene, die der durstige Wanderer für Wasser hält. Sobald er aber dort hinkommt, wo er Wasser zu finden glaubte, trifft er nichts an außer Gott, und Er wird ohne Abstrich über seine Taten abrechnen. Er ist schnell im Abrechnen."

Oder die Handlungen der Ungläubigen sind wie die Finsternis in einem tiefen Meer, das von Wogen dicht bedeckt wird und über dem noch dunkle Wolken hängen. Vollkommene Finsternis. Finsternis über Finsternis. Nichts ist zu sehen. Nicht einmal die eigene Hand, wenn man sie aus­streckt. Wem Gott kein Licht mit auf den Weg gibt, dessen Weg bleibt dunkel und unbeleuchtet.”

Wer näher hinsieht, wird feststellen: was heute nach immensen Fortschritten in Wissenschaft und Industrie und nach gewaltiger Bedeutungszunahme der materiellen Komp­onente im menschlichen Dasein mit immer größerer Deut­lichkeit zutage tritt, das wurde dereinst schon im Koran offenbart:

Das ausschließlich materielle Leben ist nur eine Täuschung.

Wer nur nach materiellen Gütern eifert, dessen Mühen bringen keinen bleibenden Ertrag.

Bei ausschließlich materieller Orientierung lebt die Menschheit ohne Richtung, Ziel und Sinn. Umgeben von Ungewissem Dunkel (Dunkel der Zukunft (Übers.)) sieht sie sich in den Strudel von Sinnlosigkeit und ziellosen Umherirren herabgezogen.

Zu guter Letzt bleibt eben weiterhin die Frage offen:

Welchen Sinn hat das Leben überhaupt? „Wozu leben wir“

Die Schuld daran, dass die Menschen ihr Dasein als sinnlos empfinden, schreibt der Koran der Verbannung des Glaubens aus ihrem Leben zu.

Fehlender Glauben ist schuld daran, dass das was Menschen tun, fast nur noch nach materiellen Zielen ausgerichtet ist und verursacht, dass der Mensch in einen Kreislauf gerät, der nur aus Produktion für Konsum und Konsum für Produktion besteht und sonst nichts.

Menschen können in ihrem Leben, was materielle Ziele anbelangt, zwar ohne Glauben auch erfolgreich sein, sogar sehr erfolgreich, aber auf dem Höchststand technischer Entwicklung und materiellen Wohlstandes werden sie zu Fall kommen, denn im Hintergrund ihrer materiellen Wunschträume wird sich nichts finden, was wahrhaft menschenwürdig gewesen wäre.

In Sure Hud Vers 15 und 16 heißt es wie folgt:

“Wem der Sinn ausschließlich nach dem diesseitigen Leben, seinen Annehmlichkeiten und seinem Flitter steht, dessen Wünsche werden wir mehr oder weniger erfüllen und der Ertrag seiner Bestrebungen wird ihm in diesem Leben voll und ganz zuteil werden. Am Ende jedoch erwarten ihn und seinesgleichen nichts anderes als leidvolle Feuerqualen. In sich zusammensacken wird dann das großartige Schloss, das Leute wie er zusammengezimmert haben, und ihre Werke werden sämtlich zunichte werden.”

GLAUBEN

Wenn wir jemanden für so wahrhaftig halten, dass wir ihm ohne Bedenken vertrauen, so sagen wir: "Ich bin von ihm überzeugt" oder "Ich glaube an seine Aufrichtigkeit", und immer wenn wir vollkommen sicher sind, dass eine Sache richtig ist, so sagen wir: "Ich bin von dieser Sache überzeugt" oder "Ich glaube an ihr Zutreffen".

Wer zu einer festen Meinung über eine Gedanken­richtung gekommen ist- zu einer Ideologie, wie es im europäischen Sprachgebrauch heisst oder zu einer Wel­tanschauung, wie man bei uns sagt-und diese mit leiden­schaftlichem Eifer, mit Lust und Freude seinem Leben und seinem Tun zugrundelegt, der ist, wie wir sagen, von dieser Anschauung überzeugt, er glaubt an sie.

Glauben bzw. Überzeugung bedeutet vollkommenes inneres Vertrauen in eine Person, eine Sache, eine Weltanschauung, eine Religion usw.

Zweifel und Unschlüssigkeit

Das Gegenteil von Glauben ist der Zustand des Zwei­feins, der Unschlüssigkeit, des Schwankens und des Bedenkenhabens, sei es nun gegenüber einer Person oder Sache, sei es im Hinblick auf eine Weltanschauung- und die natürliche Folge dieser Unschlüssigkeit ist immer ein Gefühl des Misstrauens.

Keiner, selbst ein Optimist, wird fest auf eine Person oder eine Weltanschauung bauen, gegen die er Zweifel hegt, besonders dann nicht, wenn er damit rechnen muss, dass er bei Schwierigkeiten den Grad seiner Überzeugung durch Ausdauer und Einsatz unter Beweis zu stellen hat.

Glauben und Überzeugung in der Kindheit des Menschen

Kinder schenken anderen Glauben, besonders den Menschen in nächster Nähe, den Geschwistern, den Eltern, der Pflegeperson, der Kindergärtnerin usw. Anderen zu glauben, spielt somit eine entscheidende Rolle in der Kindheit des Menschen.

Ob ein Kind die notwendige Reife fürs Leben entwickelt und einmal glücklich und erfolgreich sein wird, hängt zum grossen Teil auch von dem Glauben der Kontaktpersonen ab, vom Glauben der Mutter, des Vaters, des Lehrers und aller anderen, die gegenüber dem Kind Verantwortung tragen. Nur denen unter ihnen, die wirklich an ihren Erziehungsauftrag und den Erfolg ihrer Bemühungen glauben, wird es gelingen, ihrer schwierigen Verantwortung gerecht zu werden.

Wer schmiedet denn das zukünftige Glück eines Kindes, wenn nicht die Mutter, die sich mit unermüdlichem Eifer, festem Glauben an ihr Ziel, verantwortungsbewusst und liebevoll der Versorgung, der seelischen, geistigen und körperlichen Erziehung ihrer Kinder widmet, der liebende Vater, der aus vollen Kräften arbeitet und der an seine Aufgabe, die seelische und körperliche Gesundheit jedes einzelnen Familienmitgliedes sicherzustellen und ihm das Leben angenehmer zu gestalten, glaubt, und nicht zuletzt der Lehrer und Ausbilder, der mit Interesse und aus Überzeugung die so verantwortungsvolle und schwierige Arbeit des Lehrens und Erziehens ^auf sich nimmt.

Phase der Zweifel

Nach vollendeter Kindheit beginnt die Zeit der Reifung und des Erwachsenwerdens. Dieser Entwicklungsabschnitt ruft im jungen Menschen die verschiedensten körperlichen und seelischen Veränderungen hervor. Hinsichtlich mancher Dinge, an deren Richtigkeit er als Kind fest geglaubt hat, überkommen ihn nunmehr Zweifel. In welchem Masse dabeisein kindliches Weltbild ins Schwanken gerät, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Manch einen überkommen derart viele Bedenken, dass er plötzlich fast alles in Frage stellen muss, und es kaum noch etwas für ihn gibt, was unangezweifelt bliebe.

Zweifel, die positiv sind und uns weiterbringen

Zweifeln kann positiv sein und zurPersönlichkeitsl-entwicklung beitragen. So kann auch die Zweifelphase der Reifezeit in hohemMasse die geistigseelische Entwicklung des jungen Menschen fördern, allerdings unter einer Voraussetzung: Anzweifeln alleine genügt nicht: wer zweifelt, muss auch einen gewissen Forschungsgeist mitbringen. Er sollte das Forschen nach der Wahrheit lieben und an dessen Erfolg glauben.

Nur diese Art von Zweifel ist wirklich positiv und aulbauend.

Natürlich bedeutet Zweifeln in jedem Fall zunächst zerstören, nämlich das zerstören, woran man bisher glaubte. Beginnt man aber daraufhin, nach der  eigentlichen Wahrheit zu suchen, dann wird Zerstörung zur Vorstufe des nachfolgenden Aulbaus. Somit nimmt auch sie am Aulbau teil. Damit der Mensch überhaupt nach der Realität forscht, müssen ja erst einmal die schwach fundierten Vorstellungen seiner Kindheit zu Fall kommen.

In diesem Zusammenhang darf man daher Zweifel als positiv und aufbauend betrachten.

Welche Rolle spielt Glauben ausserdem?

Die in der Pubertät aufkommenden Bedenken erwecken normalerweise in jedem einen gewissen Forschungseifer. Es entsteht fast der Eindruck, man wolle in der Kindheit eingeflösstes Wissen s'ämtlich über Bord werfen, um- wie in vielen anderen Dingen- auch in dieser Hinsicht auf eigenen Beinen zu stehen und die Zeit des Kindseins und der Abhängigkeit schnellstens hintersichzulassen.

Wie man sieht, wird auch die Phase des Zweifeins von einer Art Glauben begleitet,nämlich Glauben an sich selbst,Glauben daran, dass man auf eigenen Füssen stehen muss und versuchen sollte, selbst zu verstehen und eigenständig der Wahrheit nachzugehen.

Das Zweifeln der Reifezeit öffnet uns die Tore zu einer anderen Welt, einer Welt voller Rätsel und Unbekanntem, ufer- und grenzenlos. Der Eifer packt uns.Wir wollen mehr wissen. Hoffnungsvoll begehen wir uns ans Forschen und sind fest davon überzeugt, mehr und genaueres über das uns Unbekannte zu erfahren, wenn wir der Sache nur auf den Grund gehen. Was wäre wohl, wenn wir Menschen weder daran glauben würden, dass unermüdliches Forschen uns zur Wahrheit führt, noch darauf aus wären, die Wahrheit überhaupt zu entdecken? Würde uns nicht die Flut der Zweifel jeglicher Freude berauben und unsere Kräfte lahmlegen?

Wie in der Kindheit, spielt Glauben auch in der Reifezeit eine entscheidene Rolle für die geistige Entfaltung des Menschen, diesmal Glauben daran, dass man unermüdlich nachforschen muss. will man die Welt von neuem und richtig verstehen.

Welche Bedeutung hat Glauben für industriellen und wissenschaftlichen Forschritt?

Die -uns heute in Wissenschaft und Technik zur Verfügung stehenden Errungenschaften sind zumeist der mühefollen Forschungsarbeit Einzelner zu verdanken, die durch ständiges Experimenten darauf aus waren, neue wissentschaftliche Hypothesen oder technischen Einfälle auf Richtigkeit oder Tauglichkeit hin zu erproben, und dabei mitunter für nur ein Ergebnis hundert verschiedene Versuche durchführen mussten.

Viele von uns hatten sicher schon Gelegenheit, solchen Menschen einmal bei ihrer Forschungsarbeit zuzuschauen, wir konnten beobachten, mit wieviel Interesse und Gedult diese ihren mühevollen Untersuchungen nachgehen, und haben etwas von dem Glauben gespürt, den ihre Gesichter ausstrahlen: Glauben an den Erfolg, Glauben an Sinn und Wert von Wissenschaft und Forschung, Glauben an ihre Arbeit.

Wie sehr dieser Glauben Arbeitsfreude und -erfolg fördert, können besonders diejenigen von uns empfinden, die selbst einmal eine wissenschaftliche Untersuchung durchführen durften.

Was es heisst,an bestimmte Prinzipien oder an eine Welt­anschauung zu glauben

Sobald der Mensch auf eigenen Beinen steht, d.h. das Entwicklungsalter abgeschlossen hat und er' erwachsen geworden ist, muss er selbständig den Schwierigeiten des Lebens entgegentreten und eigene Entscheidungen treffen. Dies erfordert die Absteckung eines Lebenszieles und Bestimmung des Weges, der zu diesem Ziele führt.

Es ist schon ein grosses Glück, dass uns Menschen in dieser so wichtigen Entscheidungsphase die Fähigkeit mitgegeben wird, genau über Ziel und Weg, Lebensprinzip und Weltanschauung nachzudenken und nachzulesen und aufgrund dieses Wissens die Auswahl zu treffen.

Was der Mensch zur Entscheidung braucht, sind Kenntnisse, die den Glauben an sein Ziel stärken und ihm Gewissheit geben. Dann erst kann er in dem unver­meidbaren Auf und Nieder des Lebens sich bewusst und mit Bestimmtheit auf der richtigen Lebensbahn und auf das gesteckte Ziel hinzubewegen, und nur dann wird er seines zielbewussten Strebens nie müde werden.

Wer eine Weltanschauung vertritt, kann nicht zwanglos leben

Wer an eine Weltanschauung glaubt, dem werden, ob er will oder nicht, bestimmte Einschränkungen auferlegt und Aufgaben abverlangt.

Jede Weltanschauung unterliegt den ihr eigenen Bestimmungen und einer festen Ordnung. Wer sich für eine bestimmte Ideologie entschieden hat und daran glaubt, wird automatisch gezwungen, auf Einhaltung der damit verbundenen Vorschriften zu achten. Er kann daher nicht mehr nur noch nach eigener Lust und Laune und ohne Einschränkungen leben.

Selbst diejenigen, die auf dem Standpunkt stehen, man müsse sozusagen frei von jeder Weltanschauung,in völliger Zwanglosigkeit und Formfreiheit leben, sind, obwohl sie keiner der bestehenden Ideologien anhängen, doch auch wie­der, wie alle anderen, an gewisse Regeln gebunden, die sie zu beachten haben. Sie lehnen bestimmte gesellschaftliche Regeln ab, z.B. das Anziehen von Kleidung, sind daher auch dagegen, dass jemand im normalen Zustand, z.B. angezogen, an ihren Veranstaltungen teilnimmt, denn dies würde gegen ihr Prinzip der Zwanglosigkeit verstossen. Auf diese Weise unterwerfen sie sich aber einer Ordnung, die ihnen Zwänge auferlegt, obwohl sie angeblich gegen jede Gesellschaftsord­nung sind und an Zwangslosigkeit und Formfreiheit glauben.

Es ist deshalb verwunderlich, dass manche eine Gesell­schaftsordnung oder Weltanschauung erwarten, in der sie sich keinen Regeln und Zwängen zu unterwerfen brauchen. Dass es eine solche Ordnung nicht geben kann, dessen müs­sen sich besonders die Intellektuellen unter uns bewusst wer­den. Unter ihnen gibt es welche, die jede Art von Zwang scheuen und jegliche Einschränkungen ablehnen.

Mit einer solchen Ansicht können sie sich wirklich selbst über die alltäglichsten Dinge kein Urteil mehr erlauben, denn ein Intellektueller darf nicht vor Zwängen und Vorschriften fliehen, sondern soll nach der Wahrheit suchen und muss die Wahrheit akzeptieren.

Glauben aufgrund von Erkenntnis

Wenn Kinder glauben, so ist ihr Glaube wirklich rein und echt, aber ihm haftet ein Fehler an: Er entsteht nicht durch Wissen und Überlegung, sondern eher durch Beein­flussung des passiven Kindes durch seine Umwelt.In Wirk­lichkeit ist daher der kindliche Glaube eine Art Reflexion, und gerade deshalb können die kindlichen Vorstellungen den im Entwicklungsalter aulkommenden Zweifeln keinen Widerstand leisten, und der kindliche Glaube gerät in diesem Alter ins Schwanken.

Natürlich kann man auch nicht mehr von einem Kind erwarten. Im Entwicklungsalter kann der Mensch dagegen bewusst glauben, d.h. glauben aufgrund von Analyse, genauer Überlegung und Kenntnissen.

Was die Islamische Glaubenslehre betrifft, so ist der Koran die wichtigste Quelle. Unablässig fordert er uns zum Nachdenken, zur Besinnung, zum objektiven Beobachten und objektiven Denken, zum Nachforschen und zur gedank­lichen Analyse auf.


 

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